Warten im Touridorf

Selbst die einfachen 100 in zwei Tagen bewältigten Kilometer, von denen 60 bergauf mit Rückenwind und 40 bergab gingen, waren zu viel für meine Beine und die Erkältung, auch meine allererste Nacht auf über 3000 Metern war nur wenig erholsam.

Ziemlich fertig komme ich also in San Pedro de Atacama an und gönne mir zum ersten Mal seit Monaten einen Campingplatz mit heißen Duschen, wenigstens für zwei Tage bevor ich Couchsurfe, was sich hier als nicht so einfach herausstellt. Bereits am zweiten Tag mache ich auf Empfehlung zusammen mit einer Campingbekanntschaft eine kleine Tour zur Quebrada del Diablo, der Teufelsschlucht. Ohne sichere Ortskenntnis sollte man zwar nicht die Rundtour begehen, aber wir wähnen uns mit den mobilen Endgeräten ziemlich sicher und lassen uns auch nicht von den enttäuschten entgegenkommenden Touristen davon abhalten, den Weg hinaus zu finden. Und tatsächlich verfahren wir uns nur ein einziges Mal, die Navigation ist verdammt kompliziert, da wirklich alles gleich (wenn auch gleich schön) aussieht.

Meine erste Couch ist etwas außerhalb im Sektor Sequitor, wo mich Natalia und ihre Mitbewohnerin herzlich in ihrem traditionellen Lehmhaus in Empfang nehmen. Noch am ersten Abend bestaunen wir bei einem Spaziergang, wie der Sonnenuntergang die Berge an der Grenze zu Argentinien und Bolivien einfärbt. An Ausruhen, was ich eventuell besser machen sollte, ist bei der Energie der beiden nicht zu denken. Den nächsten Tag gehts per Rad zu den 30 km entfernten Ojos del Salar, zwei »Pfützen« im Salar, ziemlich tief und mit ziemlich kaltem Süßwasser, d.h. nur leicht gesalzen, gefüllt. Es hält uns jedoch nichts davon ab, hereinzuspringen und schnell zur anderen Seite zu schwimmen, wo man wieder hinaus kommen kann. Und sogar ein zweites Mal springen wir herein, aber auch dieses Mal spielt die Technik nicht mit und es entsteht kein Foto davon – so bleibt der Spaß ausschließlich für unsere Erinnerung. Den nächsten Tag hänge ich dann wirklich ab in der Maca, die im Garten unter Bäumen aufgespannt ist. Hier erinnert nichts mehr an die Wüste in der es so gut wie nie regnet, welche die Oase San Pedro de Atacama umgibt. Mir wird angeraten, vor der angekündigten Wetterfront mit einem Lkw nach Argentinien überzusetzen, eigentlich wollte ich den interessanteren Paso Sico in Angriff nehmen. Aufgrund meines Gesundheitszustandes entscheide ich mich jedoch dagegen, den gleichen Fehler ein drittes Mal zu begehen und weiterzuziehen, bevor ich nicht wieder vollständig auskuriert bin.

Ich tausche meine Couch mit Alan, der beim Argentinier Luís, Betreiber eines Touristenbüros, Unterkunft gefunden hatte und mich vermittelte. Dort verbringe ich dann gut zwei Wochen. Zunächst regnet es zwei Tage und schneit sogar ein wenig, was hier nur sehr selten vorkommt. Sämtliche Pässe sind geschlossen, die Aufräumarbeiten der Hauptroute Paso Jama beginnen, die Aussicht über den Paso Sico nach Argentinien zu kommen verfliegt. Bei diesem kleinen Pass wird wohl einfag Alle Tours werden abgesagt und an dem so gewonnenen freien Tag fahren wir einige wenige hundert Meter hoch und bauen einen Schneemann. Ansonsten verbringe ich einige Zeit mit Putzen der Küche – Luís ist zwar gut im Kochen, aber Aufräumen ist nicht gerade seine Stärke. Auch helfe ich natürlich beim Kochen, der Mitarbeiter des Büros Juampi mit Gastronomiehintergrund weiß nicht, was ich gelernt habe, und so kommt es dazu, dass er mich bittet, die Möhren in feine Streifen zu schneiden. Ich vergewissere mich, ob er Julienne meint und fange an. Als ich fertig bin staunt er nicht schlecht und zeigt das Resultat Luís mit den Worten: »Mirá, ché voludo. Él cortó las zanahorias como un chef!« – »Él es un chef!«

Zudem revanchiere ich mich noch bei meinem Gastgeber, indem ich den Katalog mit den Touren ins Deutsche übersetze. Eines Morgens werde ich gefragt, ob ich nicht eine Tour zum Valle de la Luna live übersetzen könne, am Nachmittag, allerdings ins Englische. Mit meiner Schulbildung rede ich mir ein, dass das schon irgendwie klappen müsste, und sage zu. Als Mitarbeiter spare ich mir den Eintritt. Schließlich wird es einfacher als gedacht, es handelte sich um lediglich drei Personen, von denen ein Deutscher seit über einem Jahrzehnt in Chile lebt sowie zwei Briten, einer am Ende seines Auslandsstudiums in Santiago. Die billigen Witze konnte man mit den Grundkenntnissen der Sprachen übersetzen (Warum wachsen die Anden unaufhörlich? Damit die Argentinier nicht rüber kommen! Jajaja) und für die ernsten geologischen Erklärungen musste ich mich nur kurz auf die letzen Schuljahre zurückbesinnen und dann klappte das auch. Mit den beiden sympathischen Briten bin ich den Abend dann noch auf ein Bier ausgegangen. Den nächsten Morgen gings mit mehr oder weniger der gleichen Gruppe früh los zum Valle de Arcoíris – dem Regenbogental inklusive Frühstück – für mich für Umme.

Es lässt sich erstaunlich gut warten in San Pedro, die Menschen sind in Ordnung und das Essen lecker. Die chilenischen Avocados gelangen noch hierher und in den letzten Tagen habe ich die erste Bäckerei ausfindig gemacht, die echtes Baguette und Croissants verkauft, natürlich von Franzosen betrieben. Währenddesssen stauen sich am Ortsausgang die Lkw, die wie ich darauf warten, endlich weiterziehen zu können. Ich habe zudem mein in wenigen Tagen auslaufendes 90-Tage-Touristenvisum im Hinterkopf. Kurz vor Ablauf und nach gescheitertem Versuch, von der lokalen Behörde eine Ausnahmegenehmigung zu bekommen, bin ich kurz davor, deswegen zurück nach Calama zur Migrationsbehörde zu fahren. Den Morgen kommt dann die überraschende Nachricht, dass der Pass offen ist. Ich packe also alles zusammen, mache die notwendigen Einkäufe und fahre zum Ortsausgang, wo von der langen Schlange an Lkw nicht mehr viel zu sehen ist. Bereits vor einer Stunde sei die Karawane von mehr als 300 Fahrzeugen aufgebrochen und jetzt sei der Pass auch schon wieder geschlossen. Morgen, an meinem letzten Tag, soll dann nur in die andere Richtung geöffnet sein, lediglich eine Spur sei geräumt, eventuell lassen sie aber ein paar wenige Lkw auch in die andere Richtung durch, doch das weiß keiner so genau. Auch der Chef der Grenzstation aus San Pedro, der gerade zurückfährt, kann keine Auskunft geben. Auf meine Nachfrage, wie das mit dem Visum sei, und nach einem kurzen Telefonat mit dem Pass Jama gibt er mir die erleichternde Antwort, dass aufgrund der klimatischen Gegebenheiten es kein Problem sei, einige Tage zu überziehen, hoffentlich bewahrheitet sich das auch am Pass und ich muss keine Strafe zahlen. Zwei Brasilianer bieten mir an, mich in ihrem leeren Lkw mitzunehmen, per Rad sei nicht daran zu denken, die Strecke zurzeit zu überwinden. Dabei hatte ich meine Trinkwassersorge auf der 160 Kilometer langen Strecke, wo es nichts gibt, schon gelöst, es würde überall als Schnee herumliegen.

Am nächsten Tag pünktlich gegen acht Uhr morgens, eisig kalt, fnde ich mich ein, verbringe ein paar Stunden wartend in der Gesellschaft von anderen Reisenden und den Lkw Fahrern, jedoch steht ziemlich bald fest, dass es diesen Tag nichts mehr wird. Die neuesten Informationen werden ausgetauscht, von den 300 Fahrzeugen die am Vortag aufgebrochen waren haben es nur etwa 20 über die Grenze geschafft, so langsam arbeitet der Posten da oben. Mit ein Grund warum die etwa 20 verbliebenen Lkw es vorgezogen haben, unten auf nur 2400 Metern zu warten, wo die Temperaturen nachts nicht auf 20 Grad unter Null sinken. Den nächsten Tag ist wie versprochen wieder in die andere Richtung geöffnet und so befinde ich mich Mate trinkend im beheizten Führerhaus des brasilianischen Lkw, auf den Pass Jama zusteuernd, die Hauptverbindungsroute zwischen Peru, Chile und Argentinien, Bolivien, Paraguay und Brasilien, während das Thermometer zwischenzeitlich eine Außentemperatur von -13 Grad anzeigt. Hoffend, dass die Chilenen wegen meines überzogenen Visums keine Probleme machen werden.

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2 Gedanken zu “Warten im Touridorf

  1. Uh, a veces sí, estoy perdiendo el inglés poco a poco, … Aber die Grundlagen sind noch irgendwo da, auch die der Geography.

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