War da was?

Das Abenteuer Grenze geht in die zweite Runde, diesmal von El Chaltén in Argentnien nach Villa O’Higgins in Chile. Die Herausforderungen dabei: die Schiffe über die zwei zu passierenden Seen fahren nicht bei zu viel Wind, zwischen den Seen liegen etwa 26 Kilometer, die sechs auf der argentinischen Seite ohne richtigen Weg. Für mich zusätzlich noch das Umgehen der Grenzkontrollen auf beiden Seiten, habe ich das geschafft bin ich immer noch in Chile und nie in Argentinien gewesen. 

Vorgewarnt und instruiert von meinen französischen Reisebegleitern in Puerto Natales mache ich mich von El Chaltén an einem sehr stürmischen Tag auf zum ersten See, dem Lago del Desierto, der nach einigen Streitereien heute zu Argentinen gehört. Ich komme etwa fünfzehn Kilometer weit, dann gebe ich mich geschlagen und quartiere mich im nächstbesten Camping ein, wo ich glücklicherweise eine Mitfahrgelegenheit für einige Sachen zurück nach Deutschland finde. Gegen den Wind fahre ich nicht mehr, da gibt es Vermeidungsstrategien, die ich mir mittlerweile erarbeitet habe. In Chaltén hat mich aber nichts gehalten, auf Trekking bin ich nicht wirklich vorbereitet, in der Stadt gab es außer Massen an Touristen und leeren Supermärkten auch nicht viel mehr. Im Gepäck habe ich genug Nahrungsmittel – jedoch für unbestimmte Zeit. Zwischen zwei Tagen und einer Woche und länger kann das ganze schon dauuern, bis man im nächsten Dorf Villa O’Higgins ist. Und auch dort ganz am Ende der Carretera muss man damit rechnen, dass nicht alles vorrätig ist. Am nächsten Tag schaffe ich dann das fehlende Stück zum See, einen kleinen Vorgeschmack bekomme ich schon von den Pfützen auf dem Weg, die Nacht hat es furchtbar geregnet. Es kommen mir einige Radler entgegen, auch eine Familie mit Kinderanhänger, Deutsche, wie ich später noch erfahren soll. Am Lago del Desierto treffe ich auf einen anderen Fahrradfahrer der in die gleiche Richtung unterwegs ist und das frühe Schiff knapp verpasst hat. Die nächste Zeit werden wir einander begleiten.

Zunächst heißt es jedoch warten, bis das Boot am späten Nachmittag endlich zur völlig überteuerten Überfahrt aufbricht. An der anderen Seite erwartet uns eine zum Campen einladende Wiese mit Blick auf den See und den Berg Fitz Roy, dessen 3406 Meter hoher Gipfel wie fast immer in den Wolken hängt. Die argentinische Grenzkontrolle ist in einem kleinen Haus am Rand der Freifläche und ist noch offen. Mein Begleiter Guillermo holt sich noch den Ausreisestempel, ich verzichte darauf und hoffe dass die Kontrolle bei den Chilenen ähnlich freiwillig ist. Am nächsten Morgen geht es früh los, das andere Schiff soll zwischen 11 und 12 Uhr abfahren, es liegt ein nicht ganz leichter Weg dazwischen. Also brechen wir um 7 Uhr auf, als Entschädigung für das frühe Aufstehen gibt es einen magischen Sonnenaufgang, der die Gipfel in ein leuchtendes Rot taucht. Die ersten sechs Kilometer geht es steil bergauf, der Weg ist eigentlich für und von Pferden, dementsprechend schmal und tief zusätzlich vom Regen in der Nacht gut aufgeweicht. Immerhin gibt es einen Weg und das Fahrradschieben habe ich ja auch schon geübt: Zurrgurt um die Hüfte legen und sich so vor seinen Drahtesel spannen. Es geht über einige Flüsse, Sumpf, durch den Wald, wo Spuren von Huemuls sind. Mein Begleiter Guillermo scherzt, es gäbe so viele Warnschilder an den Straßen vor den Südandenhirschen, aber niemand würde je einen sehen. Nach diesem ersten Teil ist von meinem Rad nicht mehr viel zu sehen, vom Schlamm bedeckt und ich freue mich schon fast auf den Regen in Chile, um es nicht selber putzen zu müssen. Direkt nach den Grenzschildern fängt die Straße an und es gibt wieder einen befahrbaren Untergrund, dank Pinochet sei bemerkt. Die nächsten Kilometer geht es auf der Schotterstraße bergab, ich kann mal meine Bremsen ordentlich ausreizen und hänge Guillermo ab – wer später bremst fährt länger schnell … an der chilenischen Kontrolle vorbei, sie haben mich nicht bemerkt, was ein Glück. Ab jetzt bin ich kein illegaler Einwanderer mehr, was in der Festung Europa nicht so leicht geht.

Pünktlich kommen wir am Hafen an, es geht zwar gut Wind aber das Schiff fährt heute, jedoch zunächst auf Gletscherbesichtigung. Zum anderen Ende des Sees erst am Nachmittag, gegen drei bis vier Uhr heißt es, später wird es fast halb sechs, bis es endlich ablegt. Die Wartezeit verbringe ich mit zwei Israelis die als Rucksacktouristen unterwegs sind und die ich noch öfter treffen werde. Später gesellen sich nooch zwei Deutsche zu uns. Dann endlich kommt das Schiff zurück und zeitgleich treffen vier Polizisten der Guardia Civil ein, die es aber nur festmachen, oder? Die Reisepässe der Passagiere werden vom Kapitän eingesammelt, dann heißt es kurz, das Boot wäre schon voll, Gedrängel, irgendwie schafft es dann die letzte Gruppe, in der ich mich befinde, auch noch an Bord. Die Sitzplätze sind belegt, in der Küche unten sei noch Platz, nah am Maschinenraum und den Toiletten. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit bis wir ablegen, und als wir das dann endlich tun, bin ich ziemlich erleichtert. Die Pässe sind nur die Sicherheit, dass alle bezahlen. Wie viel die Überfahrt letztlich kostet, wird bis zur Abrechnung verschwiegen, einen Nachlass für den Platz in der kalten Küche, wo das Wasser beständig von der Decke auf den Tisch regnet, bekommen wir allerdings nicht. Die ganze Situation kommt mir vor wie eine von Schleppern organisierte Fahrt über das Mittelmeer von Nordafrika nach Europa in »light«. Der Pass ist weg, der Besatzung und dem Schiff völlig ausgeliefert, gefühlt jedenfalls, alles ist belegt mit Menschen, die aber noch nicht eingequetscht wie Schüttgut aufeinander liegen. Unverschämt teuer ist das Ganze zudem auch noch. Es wird verständlich, warum bei noch mehr Wind kein Betrieb ist, wir werden kräftig von den Wellen durchgeschaukelt, viele Menschen halten dem Seegang nicht stand. Im Unterschied zum Mittelmeeer ist das Schiff relativ modern, nicht aus Holz oder Gummi, es gibt keine Küstenwache und kein Frontex, das Warten im Voraus hielt sich in Grenzen und war nicht ungewiss, wir wurden nicht in Transportern wie Ware durch fremde Städte gefahren, nicht entführt, um noch mehr Geld zu erpressen, nicht mit Schlägen vorangetrieben, Frauen nicht vergewaltigt, das Boot ist nicht untergegangen und wir nicht ertrunken.

Europa muss umdenken und zwar schnell. Nach Schätzungen sind vergangenes Jahr etwa 5 000 Menschen im Mittelmeer ums Leben gekommen, genaue verlässliche Zahlen gibt es nicht, ebensowenig wie eine offizielle Statistik – so lässt es sich leichter ignorieren (siehe taz vom 9.3.2017 »Die zahllosen Toten«). Wenn Europa die Grenzen weiter dicht macht, werden die Routen immer gefährlicher. Dabei weiß doch wirklich jeder: Die Fluchtwege sind freizuhalten! Und außerdem Fluchtgründe als solche anzuerkennen und auf den aktuellen Stand zu bringen. Neben der immer noch aktuellen »Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung« (»Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge« vom 28. Juli 1951) gehören Armut und Klima als Fluchtgründe heute auch dazu – bedauerlicherweise.

Wir überstehen die Überfahrt gut, als wir dann gegen zehn Uhr abends ankommen ist es bereits dunkel und kalt und wir haben noch etwa sieben Kilometer auf einer unbeleuchteten Schotterstraße vor uns. Das erste Mal, dass ich Gebrauch von meinem Licht machen muss, ich leuchte uns den Weg bis zum Camping/Hostel vorbei an der örtlichen Polizeistation. »Du könntest ein Spion sein, die chilenische Kontrolle ist Mist!« witzelt Guillermo. Ich bin einfach nur heilfroh, dass alles geklappt hat und falle müde in mein Bett.

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Literatur
Bauer, Wolfgang: Über das Meer – mit Syrern auf der Flucht nach Europa. Suhrkamp, Berlin. 3. Auflage 2015

Leider sehr spannend, obwohl es keine Fiktion ist. Der aufwühlende Bericht zweier Journalisten auf der Überfahrt von Afrika nach Europa über das Mittelmeer geht unter die Haut. Die Odysee beginnt schon lange vor der riskanten Bootsfahrt, Gewalt, Entführungen, Lösegelderpressungen, Warten. Das bedingungslose Ausgeliefertsein an die Schlepper – Horror. So etwas nimmt niemand ohne Grund auf sich.

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