Vulkantourismus

Das hätte eigentlich eine sehr entspannte Tour werden können, ich entschied mich jedoch spontan um und fuhr bei noch einem anderen Vulkan vorbei.

Ich hatte für die Tour nach Los Ángeles auf dem direkt möglichem Weg genau vier Tage eingeplant, damit es mir nicht zu langweilig wird. Auf Empfehlung von Carla entschied ich mich dann aber doch für eine interessantere Route, und nahm den damit verbundenen Umweg und Anstieg am Vulkan Llaima in Kauf – bei ungeänderter Zeitvorgabe. Bereits am ersten Tag sollten das also knapp 90 Kilometer werden, zunächst auf feinem Asphalt mit nur einem kleinen Hügel vor Villarica. Kurz nachdem ich die Stadt verlassen hatte hörte die Asphaltdecke mit dem von mir gefürchteten Schild »Fin Pavimiento« urplötzlich einfach auf. Es wurde staubig, das Fortbewegen mühsahm und ich bin mit meinen Augen und Gedanken mehr mit der Straße als der Umgebung beschäftigt und außerdem komme ich nur sehr langsam voran. Die Qual findet jedoch schnell ein Ende. Als mich ein Kleintransporter mit leerer Ladefläche überholt und langsamer wird, um schließlich anzuhalten überrascht mich nicht mehr, dass mir eine Mitfahrgelegenheit angeboten wird, zu oft ist das bereits vorgekommen. Ich nehme also dankend an, Guido fährt zwar nicht direkt in meine Richtung aber bietet mir einen Platz am See auf dem Grundstück an, welches er hütet. Eine gewaltige Sommerresidenz die gerade einmal ein bis zwei Monate im Jahr genutzt wird – reiche Menschen aus Santiago eben die sich das leisten können.

Wir besuchen noch Guidos Eltern bei ihrem abgelenen einfachen Haus, eine Art kleine Alm. Obstbäume säumen den Weg dorthin, es gibt Schafe, Hühner und Gänse. Ein Schwein mit Halskrause aus Ästen damit es nicht ins Gemüsebeet kann kommt uns entgegen. »La fuerza armada!« witzelt Guido. Seine weit über 60 Jahre alten Eltern kommen der vielen Arbeit nicht mehr hinterher, dementsprechend wirkt alles etwas heruntergekommen. Außerdem ist die Mutter durch Alzehimer gezeichnet. Vor einigen Jahren haben die beiden eine deutsche Reisende auf dem Weg gefunden die alleine die Berge überquert hatte und nicht mehr bei Kräften war. Zwei Wochen haben sie sie gepflegt und wieder aufgepäppelt, stolz zeigen sie mir die Postkarte mit ihrer chilenischen Familie die ihnen als Dank dafür geschickt wurde. Reisen will Guidos Vater auch erzählt er mir, jedoch seien viele Menschen in Chile sehr arm und können sich das nicht leisten. Mir wird etwas schlecht und ich frage mich, womit ich dieses Privileg eigentlich verdient habe.

Am nächsten Morgen will ich früh aufbrechen, ich muss schließlich den Umweg wieder reinfahren. Guido überredet mich jedoch noch zu einem Kaffee woraus ein reichhaltiges zweites Frühstück mit wird. Mit etwas Rückenwind komme ich jedoch gut voran und merke den Anstieg kaum. Nach etwas Suchen finde ich am späten Abend schließlich einen Platz für mein Zelt im Lavafeld des Vulkans Llaima. Diesen kann ich auf der folgenden Etappe entspannt den ganzen Tag von allen Seiten betrachten. In einem Dorf wurde ich gefragt, warum ich ausgerechnet dort vorbeikommen würde, fernab der üblichen Routen. Etwas ungläubig war die Reaktion auf meine Antwort: »Was, es gibt keine Vulkane in Deutschland?«. Der Umweg hat sich jedenfalls bezahlt gemacht, 6000 Pesos Eintritt für viele Fotogelegenheiten und ruhige Straßen. Danach habe ich jedoch nur noch die Wahl zwischen stark befahrenen Landstraßen oder der Autobahn. Ob ich die nehmen könne fragte ich einen jungen sachkundigen Fahrradbegeisterten der mich auf dem zentralen Platz in Victoria angesprochen hatte. Kein Problem! Besonders nicht für mich als extranjero – super dieser Ausländerbonus. Zum Kilometermachen wurde mir die Ruta 5 schon von Miguel in Bariloche empfohlen, guter Belag und ein breiter Standstreifen würden sie fürs Fahrradfahren optimal machen.

Beide Quellen sollten Recht behalten, super Konditionen und kein Problem mit der Polizei. Die hat mich mehr als einmal gesehen aber sich nie um mich gekümmert obwohl ich schon ein leicht mulmiges Gefühl hatte als ihr begegnete. Wie viele Sekunden das in Deutschland wohl möglich ist bis man angehalten wird? Da mich weder eine schöne Aussicht noch nenenswerte Anstiege abgelenkt haben kam ich schnell voran und erreichte in wenigen Tagen Los Ángeles wo mich Guillermo empfing. Gemeinsam machten wir am nächsten Tag einen Ausflug zu dem in den Wolken hängenden Vulkan Antuco. Auf dem Weg fielen unübersehbar weiße Kreuze sowie ein Monument auf was an die dort vor gut zehn Jahren gestorbenen Menschen erinnert. Insgesamt 45 junge Soldaten im Alter um die 18 Jahre wurden von einem einzigen Offizier auf den Weg geschickt um den Pass zu überqueren. Ohne Erfahrung und völlig unzureichend mit Sommerkleidung ausgerüstet überlebt diese Eskapaden nur ein einziger Sodat, stark unterkühlt. Der Offizier wurde dafür nie zur Rechenschaft gezogen und konnte seinen Dienst fortsetzen.  In Chile würden sich die Tragiken häufen meint Guillermo. Vorher bestätigte er mir noch mein Wissen über die Villa Baviera ganz in der Nähe – ehemals die Colonia Dignidad. 1961 von einem deutschen Nazi gegründet war sie zunächst eine Sekte unter diktatorischer Führung und während der Militärdiktatur zudem Folterlager für politische Gegner. Außerdem war es keine Glanzleistung deutscher Nachkriegsdiplomatie. Erst kürzlich wurde die schützende Hand und die Kollaboration mit dem Militärregime deutscher Diplomaten offiziell als solche benannt.

Nach diesen drei unterhaltsamen und Lehrreichen Tagen- was will man bei einem Grundschuldirektor auch anderes erwarten – fuhr ich weiter nach Concepción um die anderen beiden Chilenen wieder zu sehen, die ich ebenfalls auf der Carretera kennen gelernt hatte. Ich hab die Option, ob ich bei Andrés und seiner Familie oder im leeren Haus von María José unterkomme, die noch im Urlaub in Puerto Natales ist.

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