Über den Berg

In Chile lassen sie mich ohne Probleme aus-, nach Argentinien ebenso problemlos einreisen und ich kann sogar noch einen Wanderer mit meinem Fahrrad mitnehmen! Wie das geht? In der Praxis überhaupt nicht, offiziell schon.

Gemütlich geht es matetrinkend den Berg im geheizten Lkw hoch, vor der Grenzstation werde ich rausgelassen, diese müssen wir an unterschiedlichen Punkten passieren. Luís, ein Backpacker aus Spanien, der gleichzeitig mit mir in einem anderen Lkw oben ankommt, fragt mich, ob wir versuchen können gemeinsam durch die Kontrolle zu gehen. Aufgrund der Witterungsverhältnisse ist der Pass zwar noch für Autos und Radler geöffnet, Wanderer, welche die Rucksackreisenden ja für die hundert Meter sind, können aber unmöglich passieren. Und so kontrolliert ein Beamter vor der Grenzstation, wie die Leute unterwegs sind. Als wir also zu zweit mit nur einem vollgepackten Fahrrad passieren und sagen, dass wir beide damit unterwegs seien, blicken wir in das erste erstaunte Gesicht der Passage. Na gut, müssten wir denen drinnen erklären, heißt es, und bekommen den Passierschein mit Vermerk »bicicleta«. Ich hatte schon befürchtet, dass wir vormachen sollen wie das geht. Bei den richtigen Kontrollen versuchen wir so lange es geht nichts Auffälliges anzustellen, auf die Frage »Las bicis son alemanas?« also ein ausweichendes »Sí, de Alemania.« Als ich dann aber den Zettel vom Zoll mit der genauen Deklaration abgeben muss, schauen wir in sehr verdutzte Gesichter, aber weiter nichts. Und wegen meines überzogenen Visums nicht mal ein Kommentar, da hatte ich mich auf mehr Stress eingestellt.

Weiter geht es mit einem Argentinier bis zum nächsten Dorf, welches schon nicht mehr auf über 4000 Metern liegt. Dessen Pickup ist  zwar bereits mit Rädern der beiden Koreaner, die ich bereits in San Pedro kennen gelernt hatte, beladen, aber es gibt noch Platz für mich. Merklich erfreut ist mein Gönner, sich mit mir ausführlicher unterhalten zu können. Vergessen habe ich das Argentino nicht und frage anstatt „Tu eres de Argentina?“ im korrekten „Vos sos …“. Anschließend werde ich aber trotzdem für meinen chilenischen Dialekt gerügt, die drei Monate denen ich diesem ununterbrochen ausgesetzt war, haben ihre Spuren hinterlassen. Im Dorf frage ich bei der Polizeistation nach einer Unterkunft, weil ich in dieser Höhe eigentlich nicht zelten will, werde aber abgewiesen. Nach etwas Rumfragen kann ich schließlich auf einer Baustelle campieren, das Dach fehlt zwar noch, aber die Wände geben optimalen Wind- und Blickschutz. Am nächsten Morgen sind wie erwartet die Flaschen außerhalb des Innenzeltes zu Eisklumpen gefroren. Trotzdem traue ich mich den Umweg nach Salta über San Antonio de los Cobres zu fahren: Schotter und es geht erstmal wieder bergauf, scheint aber die interessantere Route und so muss ich später nicht einen Weg zweimal fahren. Den ersten Tag komme ich noch ganz gut voran, meine Beine machen mit. Trotzdem merke ich die niedrige Sauerstoffkonzentration der Luft, sobald ich einen Atemzug aussetze, weil ich etwas trinke, oder es ein kurzes Stück steil den Berg hoch geht, schnappe ich nach Luft. Nach etwa fünfzig Kilometern komme ich in ein Dorf, wo ich sehr herzlich empfangen werde. Die erste Person, die ich antreffe, verweist mich an das rosafarbene Gemeinschaftshaus, wo ich unterkommen könne. Nach kurzem kritischen Blick der Verwalterin bekomme ich schließlich einen Raum zugewiesen, wo ich die Nacht verbringen kann. Der nächste Tag ist schon weniger erfolgreich. Ich bereite mir zwar mit viel Liebe ein Radlerfrühstück zu, habe aber keinen Appetit. Der wird schon noch kommen, wenn ich auf dem Rad sitze, denke ich mir und fahre los. Die ersten Kilometer sind sehr mühsam, ich mache den Gegenwind dafür verantwortlich. Danach, als die Straße die Richtung ändert und der Wind nur noch von schräg-vorne kommt, wird es nicht besser, alle paar hundert Meter muss ich anhalten und eine kurze Pause machen. Nach etwa sechs Kilometern ist dann Schluss. Glücklicherweise kommt das wohl einzige Auto vorbei, was ich diesen Tag sehe, und nimmt mich ins nächste Dorf mit, als ich verzweifelt genug meinen Daumen rausstrecke. Dort wird mir von einer älteren Frau ein Tee von einer Blüte zubereitet, die mir helfen soll. Etwas später bietet mir ein Herr ein nicht benutztes Zimmer neben seinem Haus zum Ausruhen an. Ich schlafe fast durch und am nächsten Tag geht es schon wieder besser. Der Höhenkrankheit gerade noch mal entkommen. Fit muss ich sein, denn es geht fast auf 4500 Meter hoch, bevor es nach San Antonio auf 3750 Meter runter geht. Dort habe ich den Tipp bekommen, dass die Polizeistation Reisende beherbergt, leider ist schon alles belegt in deren beheizten Räumen und so muss ich weiter fragen. Mein Plan ist, mit dem restlichen Bargeld, was ich auf der Farm im Süden verdient habe, durch Argentinien zu kommen, Geld für Unterkunft ist dabei nicht im Budget. Schließlich lande ich bei der Armee, etwas zögern musste ich schon, als ich über den Platz mit den Panzern gefahren bin, aber was solls. Ich bekomme nach etwas hin und her schließlich ein Bett im beheizten Offizierskasino sowie Abendessen und Frühstück am nächsten Morgen. Die momentan hier stationierte Einheit kommt eigentlich aus San Salvador de Jujuy, etwas tiefer gelegen. Und so beklagt sich der sehr junge Kommandant Patricio, dass er auf dieser Höhe keinen Marathon laufen kann. Das wundert mich nach meiner Erfahrung der vergangenen Tage wenig.

Obwohl mir wirklich alle Menschen gesagt haben, dass es nach San Antonio de los Cobres nur noch bergab geht, starte ich mit einem kleinen Anstieg, danach geht es bergab – zunächst. Ein letztes Mal dann doch noch zur Abra Blanca auf knapp über 4000 Metern hoch, aber alles auf Asphalt. Und dann geht es wirklich bergab, insgesamt etwa 3000 Meter am Stück die Quebrada del Toro herunter. Ich fahre trotzdem in zwei Tagen, übernachte in einem kleinen Dorf, wo regelmäßig Busse anhalten und Touristen ausspucken, die sich das Museum der Präinkakultur anschauen und Souvenirs kaufen. Abends ist es aber ruhig und ich darf in einem überdachtem Salón neben dem kleinen Dorfladen mein Zelt aufbauen. Am nächsten Tag geht es dann bis ganz nach unten auf nur noch leicht über 1000 Metern. Zum ersten Mal seit vielen Monaten begegne ich wieder Kühen, die auf grünen Wiesen grasen, und einer üppigen Baumvegetation. In Salta werde ich herzlich in Empfang genommen und versorgt, gleich am ersten Abend werden Empanadas Salteñas bestellt, die in einem Pizzakarton geliefert werden. Nach einem Ruhetag erkunde ich die Stadt und besuche das mir von mehreren Personen empfohlene Museo de Arqueología de Alta Mañana. In diesem werden als Hauptattraktion neben zahlreichen Textilien und kleinen aufwändig gearbeiteten Figuren aus Silber und Gold Mumien von geopferten Kindern ausgestellt, welche in den Bergen auf Höhen über 5000 Metern konserviert wurden. Gleich im ersten Abschnitt erblicke ich erstaunt in bekannte Gesichter – eigentlich dürfte ich hier niemanden kennen. Nach ein paar wenigen Sekunden kann ich sie dann zuordnen: die Familie, welche mich in Buenos Aires ganz am Anfang meiner Reise aufgenommen hatte. Diese Begegnung sollte aber nur der Beginn des Wiedersehens mit mehreren Bekannten in Salta sein. Auf der Straße sehe ich zwei Reiseradler und erkennne schließlich Alex und Irene wieder, die zwei Koreaner aus San Pedro. Zufälligerweise sind auch die beiden Schweizer, die ich zuletzt auf der Carretera Austral im Süden Chiles das letzte Mal gesehen hatte, gerade in Salta auf ihrer Rückkehr aus Bolivien und der Weiterreise nach Europa. Wir verabreden uns auf ein Bier in der Stadt und führen mal wieder die üblichen Radlergespräche – also über Fahrrad fahren und Essen.

Nach diesen sehr erholsamen Tagen mache ich mich auf nach Bolivien, nach etwa einen halben Jahr erst das dritte Land, welches sich aber deutlich von Argentinien und Chile unterscheiden soll. Aus Salta geht es zunächst sehr entspannt auf der alten Hauptstraße nach Norden. Etwa drei bis vier Meter asphaltierte Straße mit zwei markierten Fahrspuren und vielen Kurven, dementsprechend wenig Verkehr. Kurz nach San Salvador de Jujuy empfängt mich einem kleinen Dorf der Antrophologe und Archäologe Jorge, den ich zuvor bei Couchsurfing kontaktiert hatte. Ich verbringe einen erholsamen und sehr informativen Ruhetag in seinem kleinen Haus-in-progress. Meinen Bruce Chatwin kann ich gegen ein Buch von ihm eintauschen, der Disput zwischen Peru und Bolivien über das kulturelle Erbe eines Folkloretanzes, welcher sich im Jahr 2009 bei der internationalen Miss-Universe-Wahl entladen hatte, als eine Peruanerin in einem bolivianischen Kostüm angetreten war.

Die Quebrada de Humahuaca scheint eine Hauptfahrradroute zu sein, jedenfalls treffe ich fast jeden Tag andere Radler, während die Landschaft mit zunehmender Höhe immer karger wird. Eine französische Familie mit zwei kleinen Kindern erzählt mir begeistert von dem Ort Abra Pampa in Argentinen, in dem es wirklich alles gäbe, sogar ein Hotel sei dort. Wohl der Vorgeschmack auf Bolivien, was diese zuvor bereist hatten. Außerdem mache ich Bekanntschaft mit einem US-Amerikaner und einer Belgierin, die in wechselnder Begleitung mit Tandem unterwegs ist. Ich hole eine Australierin ein, mit der ich ein paar Stunden zusammen fahre, und einen Argentinier, der mit großen Augen mein Fahrrad und die Ausrüstung bewundert, während bei seinem zusammengebastelten Rad beide (!) Bremsen den Dienst versagten. Nach etwa einer Woche Bergauffahren gelange ich schließlich nach Bolivien, landschaftlich ändert sich nichts aber alles andere ist nicht so wie ich es bisher gewohnt bin …

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Literatur

Kulemeyer, Jorge A.: La danza de los diablos. Creencias, fiestas, devoción, historia, política, controversias y trasfondos, usos del patrimonio cultural en el área andina. 1a ed. San Salvador de Jujuy, 2014

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