Titikakasee

Am größten See Südamerikas vorbei, runter vom Altiplano, nach Peru bis Cusco. Unterwegs bleibe ich spontan für einige Tage in einem Restaurant hängen und fast werde ich mitgenommen, ein Alpaka zu schlachten.

Nachdem Kate und ich den Markt leergekauft haben, weil wir für drei Tage keine gesicherte Versorgung mit Gemüse haben würden, geht es von La Paz zunächst mit der Seilbahn nach El Alto aus der Stadt hinauf, inklusive Fahrrad. Die Mitnahme ist etwas kompliziert aber kein Problem. Das erste Mal, dass ich eine Seilbahn als ÖPNV sehe. Aber bei dem Ausblick auf La Paz von oben leuchtet es ein, eine Megastadt mitten in den Bergen. Weshalb der Flughafen in El Alto betrieben wird, bleibt ein Rätsel, bei etwas über 4000 Metern über dem Meeresspiegel ist die Luft dünn zum Landen und Starten. Anscheinend auch für uns, früher als geplant suchen wir eine Bleibe und ruhen uns aus. Den nächsten Tag erreichen wir den beeindruckenden Titikakaasee und lassen es uns nicht nehmen, in unmittelbarer Nähe dazu zu zelten. Mich zieht es nach zwei Tagen ohne Dusche sogar für ein sehr kurzes Bad ins eisige Wasser rein.

Die Experimente mit dem Campingkocher gehen in die nächste Runde und ich versuche mich am Räuchern des kleinen sehr jungen und geschmacksneutralen Kuhkäses, den wir auf dem Markt gefunden haben. Sägespäne finden wir auf der Route und beim Suchen nach Feuerholz für ein kleines Lagerfeuer entdecke ich eine sehr aromatische Minze, die, wie ich später erfahre, einem Fischfonds einen außerordentlichen Geschmack verleiht. Das Ergebnis des Räucherns ist sicherlich ausbaufähig, was aber wahrscheinlich am verwendeten Holz lag und der hohen Temperatur, welche dem armen Käse unbeabsichtigt zugesetzt hat.

Der nächste Tag wird hart. In fester Überzeugung, vom Camping bald wieder auf die Straße zu stoßen, die keine fünfzig Meter entfernt ist, kommt die erste Herausforderung. Horizontal beträgt die Differenz nämlich etwa hundert steile Meter auf einem kleinen Pfad. In fast 4000 Metern Höhe kein leichtes Unterfangen, bei dem wir ganz schön aus der Puste kommen. Bald kommen wir wieder auf die asphaltierte Straße, doch die Strecke nach Copacabana zieht sich. Für Kate ist dort Schluss und ich »tausche« meine Begleitung gegen Yanis, den ich im Casa de ciclistas kennen gelernt hatte. Immerhin drei Tage fahren wir gemeinsam bis Puno, er mir immer voraus, an Kondition mangelt es mir nicht, aber er fährt ein deutlich leichter bepacktes Fahrrad.

Alleine geht es nach Juliaca, wo mich Geovanni empfängt, der einen Raum für müde Radler hergerichtet hat und diese mit wertvollen Informationen versorgt. So empfiehlt er mir, einen Abstecher zu dem Rainbow Moutain zu machen, der läge auf dem Weg und da würde man günstig hinkommen. Außerdem gäbe es nach zwei Tagesetappen eine Thermalquelle, wo man problemlos zelten könnte. Die Pampa durchfahre ich zügig und genieße die heißen Schwimmbecken abends, menschenleer, auf 4000 Metern unter beeindruckendem Sternenhimmel. Am nächsten Tag gehe ich gleich nochmal rein zum Aufwärmen am eiskalten Morgen. Im Dorf Pitumarca etwas abseits der Hauptstraße aber auf dem Weg zu besagter Touristenattraktion kann ich im Restaurant »Shantal« einen leeren Raum für die Nacht belegen. Im Verlauf des informativen Gesprächs mit dem Besitzer Valerio und dessen Familie, wie ich am besten nach oben kommen würde, bekommen sie heraus, dass ich Gastronomieerfahrung habe, und bieten mir an, einige Tage bei ihnen zu helfen. Ich ändere meine Pläne und bleibe fast eine Woche, in der ich ein wenig mit anpacke, hauptsächlich aber selbst mit Essen beschäftigt bin.

Ohne Geld zum Rainbow Mountain zu fahren ist etwas abenteuerlich. Morgens um drei Uhr fährt ein Laster mit den Menschen vom Dorf hoch, die oben arbeiten. Ein Laster, kein Bus. Jeder bringt seinen Sitz selber mit oder erregt genug Mitleid wie ich und kann sich dazwischenquetschen. Es rumpelt gewaltig, alle fünf Minuten hält der Lastwagen an und lädt mehr und mehr Menschen auf, sodass auch die letzten Lücken gefüllt werden. Nach all der Zeit wundere ich mich aber nicht mehr, wie verrückt das alles ist, so normal ist das mittlerweile geworden. Es  ist noch stockdunkel, als wir oben am Parkplatz auf 4.500 Metern ankommen. Die anderen raten mir, mit dem Loslaufen zu warten, bis die Sonne rauskommt. Es sind nur wenige Kilometer bis zum Mehrfarbigen Berg, aber es geht noch 500 Meter hoch auf knapp über 5.000 Meter über dem Meeresspiegel, so hoch war ich noch nie. Da komme auch ich in Schwierigkeiten, obwohl ich seit nunmehr einem Monat in der Höhe Sport mache. Ich bin zwar mit Abstand der erste auf dem Gipfel und genieße das Alleinsein in der Umgebung von schneebedeckten Bergen. Leider hat es aber den Farbenberg ebenfalls zugeschneit und ohne Sonne kommen die Farben nicht richtig zur Geltung. Als der Menschenstrom ebenfalls oben eintrifft, hält mich dort nichts mehr und ich beginne den Abstieg, bei dem ich knapp tausend keuchenden Menschen begegne. Zurück ins Dorf finde ich problemlos ein Auto, welches mich runterfährt.

Mit der Familie des Restaurants verbringe ich eine interessante Woche. Wir könnten eine Wanderung zur Berghütte der Großmutter machen, die Alpakas hält und eines schlachten. Mir wird erklärt, die Inka hätten einen kleinen Schnitt in die Bauchhöhle gemacht und wären dann mit der Hand Richtung Herz eingedrungen und hätten dort irgendwas zerquetscht, was und wie hab ich nicht komplett verstanden und wollte es auch nicht genau wissen. Als Ritual sei das ausströmende Blut in Richtung der Sonne geworfen worden. Aufgrund des gut ausgebuchten Restaurants hatten wir aber nur einen halben Tag Zeit und haben dann nur einen kleinen Familienausflug gemacht. Bestückt mit Volley- und Fußball fahren wir zu nah gelegenen Inkaruinen, bevor es für mich weiter nach Cusco geht, die Ruinen der vergangenen Zivilisation haben es mir angetan.

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Ein Gedanke zu “Titikakasee

  1. Schön, wieder etwas regelmäßiger von dir zu Hören/Lesen.
    Über den Rainbow Mountain hatte ich letztens in der Zeit oder so gelesen, klang dort aber alles etwas euphorischer 🙂

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