Seen sehn

Als sich in Bolsón der Herbst mit erstem Regen bemerkbar macht, breche ich auf nach Norden, wo das ganze Jahr über Sommer sein soll.

Mit ordentlich Proviant vom Hof – zwei Kilogramm Äpfeln, Walnüssen und jeder Menge Hartkäse welcher mir später noch Sorgen bereiten wird – sowie Empfehlung für Literatur und einen Buchladen gehts weiter. Nach den zwei überstandenen Regentagen wirds richtig schön. Mein Zelt und die Klamotten kann ich bei Miguel in Bariloche trocknen, er hat in seinem Garten neben der Fahrradwerkstatt ein Apartement eingerichtet, welches er Reisenden zur Verfügung stellt. Er selbst ist Fahrradfanatiker durch und durch, schweißt Stahlrahmen, baut Repliken, die er in seiner Wohnung ausstellt – ein Fahrradmuseum nebst Radlerhotel. Besonders genau schaut er sich meinen Rahmen an, würdigt die eleganten Verbindungen und notiert sich sogleich den Namen des Herstellers. Trotzdem verbringe ich nur eine Nacht dort, die Stadt Bariloche ist eine Touristenhochburg hoch drei: an der Seepromenade drängt sich Hotel an Hotel dicht an dicht, bis auf das Einzugsgebiet ist das keine authentische argentinische Stadt. Sie reiht sich zusammen mit El Calafate und El Chaltén in die Liste der Orte ein, die man laut Reiseführer gesehen haben muss um so wenig wie möglich vom richtigen Leben kennengelernt zu haben.

Lediglich die Umgebung entschädigt für den Kulturschock den ich erleide. Als argentinische Schweiz wird die Region bezeichnet, schneebedeckte Bergketten und klare Seen, im Winter Skiparadies. Auf der anderen Seite der Cordillera befindet sich in Chile die »Región de los Lagos«, hier kann man die »Ruta de Siete Lagos« – Siebenseenroute – befahren: feinster Asphalt, atemberaubende Landschaften, erstaunlich viele Seen zum Campen. Fast eine Woche genieße ich das. Sonnenauf- und Untergänge für mich alleine, das abendliche Schwimmen ersetzt die Dusche, welche ich sonst nicht habe. Auf der Strecke sind vermehrt »Hobbyradler« unterwegs, mit sehr leichtem Gepäck aber auch wenig Training, was ein Zusammenfahren erschwert. Ein Pärchen aus Buenos Aires verbringt hier seine Ferien, ein weiteres aus England ist zwar auf einer längeren Reise aber nur ausnahmsweise auf dem Rad. In San Martín de los Andes treffe ich an der Tankstelle auf andere »richtige« Radler: Logan aus Kolumbien auf dem Weg nach Ushuaia und wieder zurück in Begleitung von chilenischen Freunden, die mich sogleich zu sich nach Hause einladen. Ich werfe also meinen Plan etwas um und fahre nicht auf der Asphaltstraße in der Nähe des mächtigen Vulkanes Lanín mit seinen 3747 Metern sondern suche den kleinen weniger befahrenen Schotterpass Carirriñe, welcher dafür direkter nach Coñaripe führt wo ich erwartet werde. Und dann nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Wissend, dass bestimmte Lebensmittel pflanzlichen und tierischen Ursprungs nicht in Chile eingeführt werden dürfen treffe ich gewisse Vorkehrungen. Eigentlich rechne ich nicht mit einer Kontrolle, so wie sie in Puerto Natales auch nicht stattfand. Dort hatte es ausgereicht, das Kreuz auf dem Fragebogen am richtigen Ort zu setzen. Aber man kann ja nie wissen. Was ich nicht vorher essen kann verstecke ich in meinen Sachen. Den Knoblauch im Schlafsack – perfekt, Nüsse im Zeltinneren – wenn man genau schaut gucken sie etwas heraus, den restlichen Käse in einem 40 Liter Sack – eigentlich zu offensichtlich ergo riskant. Mittags komme ich an der Kontrolle an, es dauert ein wenig, bis alle drei Stationen besetzt sind. Einreisestempel, Deklaration des Fahrrads und zu guter Letzt Deklaration von Lebensmitteln. Ich fange in der goldenen Mitte an, diese Station ist zuerst besetzt. Sehr freundlich reden wir etwas über mein Fahrrad – Marke (Ene o ere uvedoble i de), Farbe (azul o verde?), Radgröße (¿28 Zoll?) etc. Dann bekomme ich problemlos meinen Stempel und dann folgt das Wurst-Case-Szenario: »Inspizieren wir mal dein Gepäck!« Also durfte ich meine Taschen auspacken und es wurde alles sehr sorgfältig begutachtet. Ich war soeben dabei, zu erklären, was ich alles für Gewürze mithabe – der getrocknete Rosmarin wurde daraufhin entsorgt, wäre er nicht im Ganzen gewesen, hätte ich ihn natürlich einführen dürfen. Da sah ich im Augenwinkel, wie der Kollege die Tasche mit dem Käse in der Hand hielt und untersuchte. Jetzt war es also um ihn geschehen, dachte ich, bei so einem offensichtlichen »Versteck« muss er ihn entdeckt haben. Meine Laune war auf einem absoluten Tiefpunkt angekommen, denn auch beim vorsichtigen Fühlen während ich meine Sachen wieder einpackte, bestätigte sich mein Verdacht.

Die ganze Prozedur hat etwa eine Stunde gedauert, es sollte bis Coñaripe aber nur noch bergab gehen sodass ich etwas Gas geben konnte. Hätte mir mein dünner Crossmantel nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht, den ich montiert hatte. Nach zehn Minuten hatte ich den ersten Snakebite, ein äußerst ärgerliches Doppelloch im Schlauch, schneller Luftverlust und zudem sehr schwer zu flicken. Eigentlich kein Wunder bei dem vielen Gewicht und dem dünnen Mantel. Mit meinen Gedanken beim verlorenen Käse tauschte ich lediglich den Schlauch, sodass ich bereits nach wenigen Metern den zweiten Platten hatte. Ich wechselte dieses mal auch den Mantel und fuhr ohne weitere Pannen durch. Ich meldete mich bei Carla an, die mich eingeladen hatte, dass ich mit Hunger (= sehr schlechter Laune) eintreffen würde. Mein Angebot, Bier mitzubringen wurde abgelehnt: »Llega, todo bien. Aqui vemos como celebramos« (»Komm her, alles gut. Hier sehen wir, wie wir feiern!«) Das tat richtig gut zu hören nach all den Strapazen. Es fehlten noch zwei ordentliche Anstiege die ich mit der neu gewonnen Energie fast mühelos bewältigte.

Schließlich verbrachte ich drei Nächte in dem Hostal von Carla, die dort ständig ein Zimmer für Radler reserviert hält, bevor ich mein nächstes Ziel Los Ángeles ansteuere, wohin ich von Guillermo eingeladen wurde, den ich vor zwei Monaten auf der Carretera begleitet hatte. Den vermeintlich verlorenen sehr leckeren Hartkäse vom Biohof fand ich dann tatsächlich noch an seinem Platz vor, selbst vor mir hatte ich ihn zu gut versteckt. Gemeinsam mit Carla und ihren Freundinnen genossen wir die letzten Reste und ich stellte fest, obwohl das schwierig zu überbieten war, dass er illegal fast noch besser schmeckte.

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