Meistens geradeaus

Nur ab und zu gab es auf der Fahrt mit dem Bus von Buenos Aires nach Comodoro Rivadavia mal eine Kurve, wo dann auch mal das Fernlicht eingeschaltet wurde. Das einzig Aufregende war wohl die Suche nach dem Bus und das Verhanden mit den Fahrern, damit sie mich mit meinem Fahrrad mitnehmen.

Die Nacht vor der Abreise verbrachte ich in einem Hostel in der Nähe zum Bahn- und Busbahnhof, was sich als großes Glück herausstellte: so hatte ich am Abend zuvor zwar mit etwas Bier und einer Empanada einen vermeintlichen Helfer gefunden, der mich allerdings dann im Stich gelassen hat. So musste ich dann mit meinem halb eingepacktem Fahrrad, dem Riesenkoffer und einer weiteren Tasche plus weiteres Verpackungsmaterial irgendwie alleine den Busbahnhof finden und. Lucas hatte mich überzeugt, dass der Fahrer bestimmt gnädiger sei, wenn er nur eine Tasche unterbekommen muss. Die mitgenommenen Zurrgurte haben mir auf der kurzen, vielleicht ein Kilometer langen Strecke, mein Leben das erste Mal gerettet. Der Expander hat leider versagt. Den Bahnhof konnte ich dann noch relativ leicht ausmachen: viel Verkehr, viele Busse, ein paar wenige Fernbusse, Bahnhofshalle mit Zügen und irgendwo dann auch das Busterminal. Also gut, etwas knapp bei Zeit wegen Kompromissen mit meinem ›Helfer‹ und vereblichem Warten auf ebenjenen, aber immerhin gefunden. Die Bildschirme mit den Ankünften und Abfahrten ausgemacht und das erste Mal an ihnen verzweifelt: Mein Bus fehlt! Zum Infoschalter gegangen (sollte nicht das letzte Mal sein) und rausgefunden, von welchem Platz der Bus abfahren soll: 10 – 25. Suche nun also das ominöse Terminal 10 – 25, finde es nicht. Frage andere Reisende, Polizei. Die verweist mich dann nach kurzem überlegen wieder an den Infoschalter. Der klärt mich auf, dass das alles schon richtig so ist. Dann finde ich die Boleteria meiner Busgesellschaft, das stand irgendwo auf dem Ticket, dass man sich da melden soll. Frage dort nach. Erfahre, dass der Bus nicht Andesmar sonder Trabat heißen wird und von 10 – 25 nach Río Gallegros abfährt. Und, dass ich auf die Lautsprecherdurchsagen achten muss. Am Infoschalter bekomme ich dann heraus, dass alles etwas kurzfristig geschieht und der Bus nicht um 10:45 Uhr sondern bestimmt etwas später abfährt. Es entspannt sich ein wenig.

So gegen 10:40 Uhr vernehme ich und auch andere aus den Lautsprechern, dass der Bus von 24 abfährt und kurz darauf fährt er dann schon ein. Das nächse Abenteuer beginnt: der Gepäckeinlader sieht mein Fahrrad und blockt komplett ab. Ich verstehe weniger als meine sonst sicheren 50 Prozent und spreche verzweifelt genug andere Passagiere an, die mir ab sofort zur Seite stehen, mich verstehen (zumindest etwas) und die versuchen, das Personal zu verstehen und mir übersetzen, bzw. in langsam wiederholen. »Rien ne va plus!« – der Bus ist komplett ausgebucht, jeder hat nur eine begrenzte Kapazität an Gepäck. Auch, wenn ich mit der Busgesellschaft telefoniert hätte, müsse ich das jetzt und zwar schnell mit der Boleteria klären. Also wieder dahin gehetzt, in der Hektik mein Spanisch vergessen, auf Englisch kommunizieren wollen. Bei der Boletería 59 wäre ich falsch, ich müsse zur 28 gehen (rennen). Die war erst nicht besetzt und später auch nicht von englischsprachigem Personal, was mir wirklich weitergeholfen hätte. Ich müsste mich sowieso bei der Telefonnummer der Gesellschaft melden, die würden auch Englisch sprechen. Die Verbindung funktionierte natürlich nur beschränkt bis gar nicht.

Zurück beim Bus war dann auch schon das Gepäck der Mitreisenden vollständig eingeladen, mein Koffer und Fahrrad standen noch davor, zusammen mit den Fahrern und drei Mitreisenden, die sich meiner erbarmt hatten und sich für mich einsetzten. Nach vielen ¡Por favor! und letztlich dem Zahlen von 400 Pesos Schmiergeld (natürlich Transportgebühren fürs Fahrrad ohne Quittung, die dann aber gleichmäßig aufgeteilt wurden) nahmen sie mich dann letztlich mit. Noch nie zuvor habe ich ein Fahrrad so schnell in seine Einzelteile zerlegt und noch nie zuvor war ich so erleichtert. Zuerst waren 600 Pesos verlangt worden, mit 400 gaben sie sich dann aber letztlich auch zufrieden. Wie gut, dass die nicht wussten, dass ich so ziemlich alles für mein Fahrrad bezahlt hätte.

Die Klassifikation semi-cama –  halbes Bett – traf die Komfortklasse ziemlich gut. Nicht wie ein ganzes Bett aber schon ziemlich nah dran. Es wäre sehr schön gewesen, wenigstens auch semi-comida zum Essen zu bekommen. Was einem da angeboten wurde war schrecklich ungenießbar. In der Nacht konnte ich dann aber tatsächlich etwas schlafen sodass ich von dem anderen Verständnis eines Fernlichts nur wenig mitbekommen habe. Das funktioniert aber in etwa so: bloß nicht länger als nötig, insbesondere mal kurz vor Kurven, zum Grüßen oder Warnen von entgegenkommenden Autos und LKW, sodass man immer mal kurz geblendet wird.

Die tausenden Kilometer Weideland und einiges an patagonischer Steppe konnte ich mit nur 28 Stunden Busfahrt elegant überspringen. Die vielen Kühe wurden dann von zunehmend unbewirtschafteter Landschaft abgelöst, nur sehr vereinzelt habe ich mal ein Schaf entdeckt. Lamm ist hier durchaus das am häufigsten anzutreffende Fleisch, aber trotzdem sehr teuer. Am Dienstag soll der Wind es dann zulassen, dass man sich ihm mit dem Fahrrad aussetzen kann. Dann gehts los in Richtung Westen (wo der Wind immer herkommt) und dann auf der Careterra Austral weiter nach Süden. Vielleicht nimmt mich ja dann ab und zu ein LKW mit, die argentinischen camioneros sollen ausgesprochen hilfsbereit sein. ¡Voy a ver!

Flickr Album Gallery Powered By: Weblizar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.