Kurzer Kulturschock

Erleichterung nachdem ich mir verrückterweise Gedanken gemacht hatte, was beziehungsweise wie die Bolivianer sprechen – nach der Erfahrung mit den sehr unterschiedlichen Dialekten in Chile und Argentinien – es ist ein sauberes Spanisch, weder Dialekt noch (viele) neue Wörter.

Der Grenzübergang ist der unbürokratischste, den ich bislang passiert habe. Wurde sonst alles penibelst digital erfasst, bekomme ich hier lediglich einen Stempel, zunächst für 30 Tage, danach muss ich mich bei der Migrationsbehörde melden, um zu verlängern. Das chaotische Treiben und Gewusel auf den Straßen Villazóns macht mich etwas verrückt, da es sehr ungewohnt ist. An allen Ecken gibt es was zu kaufen, Obst und Gemüse eher weniger, dafür Unmengen an Kleidung, dazwischen Stände mit frisch gepresstem Orangensaft. Ich halte es nicht lange aus, stelle mich lediglich an dem Automaten, an um Geld abzuheben, kaufe noch etwas zu essen und verweile kurz am Platz, wo sich ein älterer Herr zu mir setzt. Nachdem ich meine Story erzählt habe und er darauf mein Castellano gelobt hat – nicht das erste Mal in dieser Reihenfolge – ist er ziemlich schnell bei der Befreiung Boliviens von den Spaniern durch den Nationalhelden und Namensgeber Simón Bolívar. Das treibt die Bolivianer also heute noch um. Nach dem ersten Schock will ich erstmal wieder raus und suche mir einen ruhigen Platz an einem Fluss, den ich für mich alleine habe.

In Tupiza, der nächsten Stadt nach der Grenze, geht es schon nicht mehr ganz so wild zu und ich beschließe ein paar Ruhetage einzulegen, um mich mit der Kultur vertrauter zu machen. Endlich kann ich mir ohne Sorgen ein Hostal leisten, gerade einmal 40 Bolivianos – knapp fünf Euro – und mache erste Erfahrungen mit den hier üblichen elektronischen und abenteuerlich verkabelten Duschen bzw. als Duschkopf getarnten Durchlauferhitzern. Einen Temperaturregler gibt es nicht, die wird dann mit der Wassermenge bestimmt, die man durchlaufen lässt. Der Trick für eine heiße Dusche ist es also gerade so viel aufzudrehen, dass die Automatik anspringt aber keinesfalls mehr als nötig. Die ersten Duschen bleiben also lauwarm-kalt bis ich endlich rausgefunden habe, dass es entweder viel Wasser oder viel warm gibt.

Das Essen ist auch günstig, für 15 Bs bekommt man ein komplettes Menü oder auch einen Haarschnitt, der auch schon seit längerem mal wieder anstand. Die Empanadas heißen hier Salteñas, sind zwar auch lecker aber leider fast nur frittiert zu bekommen. Neu ist, dass man fast alles, also alle Grundbedürfnisse an Nahrung, auf dem Markt kaufen kann. Eigentlich eine prima Sache, doch das ungekühlt angebotene Fleisch und insbesondere die ungekühlten Innereien sind für mich mindestens gewöhnungsbedürftig. Aber bereits nach kurzer Zeit beginne ich, mich an das Chaos zu gewöhnen, und erkenne Grundzüge der dahinterliegenden Ordnung.

Ausnahmslos alle Menschen denen ich begegnet bin, haben mich ausdrücklichst vor der etwa 200 Kilometer langen direkten Verbindung von Tupiza nach Uyuni gewarnt, es sei die schlechteste Straße in ganz Bolivien, nicht einmal fahrbahrer Schotter sondern ordentlich was zum Schieben und Fluchen dabei. Es gebe einen Bus und sogar eine Zugverbindung als lohnende Alternative. Ich lasse mich davon nicht wirklich beeindrucken, frage aber vorsichtshalber einen Warmshowers in Atocha, was auf dem halben Weg liegt, nach dem aktuellen Stand der Route. Zur Hälfte sei es bereits geteert, insbesondere ab Atocha sei es prima zu fahren, bis dahin würde ich bestimmt ein Fahrzeug der Baugesellschaft finden, was mich mitnehmen würde. Ich fahre also gemütlich los, ohne wirkliche Vorkehrungen sprich Essen und Wasser mitzunehmen, zugegeben etwas gewagt. Auf durchaus gut zu fahrendem Schotter geht es zunächst leicht bergauf. Ich begegne Bauarbeitern und frage natürlich alle, ob es irgendeine Möglichkeit gebe, dass mich ein Laster mitnimmt. Die Aussagen sind leider eher ernüchternd, also fahre ich weiter – abwechselnd auf der bereits fast fertigen Straße und den zur Logistik gebauten Wegen. Die ursprüngliche Ruckelpiste, vor welcher ich so eindringlich gewarnt wurde, bekomme ich auf der gesamten Strecke nicht ein Mal unter die Räder. Ich sehe ein, dass mich wohl keiner mitnehmen wird, stelle bei der Inventur fest, dass nur etwas Wasser fehlt und ich mit den Notvorräten an Essen, die ich dabei habe, zumindest noch bis Atocha kommen sollte. Ich filtere mir also noch vier Liter Wasser, die ich daraufhin als zusätzliches aber leider notwendiges Gewicht den Berg hochfahren werde. Es geht insgesamt gut 1200 Meter hoch, also bin ich den restlichen Tag beschäftigt. Zu meiner Überraschung komme ich schon bald auf das erste fertig asphaltierte Stück Straße. Ich bekomme verwunderte Blicke von Bauarbeitern, als ich mich irgendwo zwischen deren riesigen Maschinen hochkämpfe und werde sogar ein kleines Stück von einem angeschoben, sehr zur Belustigung aller Anwesenden. Dieser Tropfen hilft zwar ein wenig, aber als ich endlich oben ankomme, wird es schon langsam dunkel, dabei fehlt mir noch ein Platz zum Zelten. Ich versuche also schnellstmöglich wieder ein Stück herunterzufahren, um nicht auf über 4000 Metern schlafen zu müssen. Erstaunlicherweise macht der dünne Crossmantel hinten die Schotterabfahrt unbeschadet mit. In Rekordzeit baue ich das Zelt auf und koche mir währenddessen noch den Cous-Cous, welchen ich seit Chile als Notreserve mit mir herumfahre, mit einer schmackhaften Kartoffel-Möhren-Pfanne.

Bis nach Atocha, wo mich eigentlich Luís erwarten wollte, geht es zwar auf überwiegend Asphalt aber mit vielen Hügeln weiter. Als ich dann endlich ankomme und mich nach meinem Gastgeber erkundige stellt sich die Kontaktaufnahme als schwierig heraus. Es folgt eine Odyssee bis ich schließlich aufgebe, ihn noch zu treffen und quartiere mich in einem sehr überteuerten Hostal ein, die Dusche ist mäßig warm. Auch aus dem angestrebten Ruhetag wird am folgenden Tag nichts. Nachdem ich mir dann eine bolivianische Simkarte zugelegt hatte und wieder Online war – in Atocha konnte ich kein einziges WLAN auftreiben – versprach mir Luís, dass er einem Freund Bescheid geben würde, der mir die Schlüssel von seinem Haus gebe. Besagter Freund ist dann aber arbeiten gefahren und wäre erst am nächsten Tag zurückgekommen. Alles nicht so pralle aber ein Highlight hatte der Tag dann doch noch: während ich auf dem Platz wartete kam ich ins Gespräch mit einem älteren Herrn über gute Fahrräder und den jugendlichen Leichtsinn. Anschließend noch aus der Stadt rausgefahren und die erste sich bietende Gelegenheit zum Zelten genutzt, da hatte ich dann wieder Ruhe und musste mich nicht auf andere Menschen verlassen.

Nach Uyuni wird es flacher und die letzten Kilometer sind bereits durchgängig geteert. Eine 10 Meter breite Asphaltdecke ohne Verkehr, was ein Luxus, ich mag Baustellen. Dort angekommen habe ich noch etwas Zeit bis Kate mit dem Bus eintrifft und besuche den nahe gelegenen Bahnfriedhof, wo ich gemütlich einen Mate trinke und die vor sich hin rostenden alten Waggons und Dampflokomotiven bestaune. Außerdem lerne ich noch Jeff aus Taiwan kennen, der mit dem Motorrad unterwegs ist – wir einigen uns auf ein gemeinsames Hostal. Fast pünktlich finde ich den Busbahnhof, also die Straße wo alle Busse abfahren und ankommen sollen. Außer ein paar wenigen Verkaufsbüros ist dafür ja keine zusätzliche Infrastruktur notwendig. Mit nur gerade einmal einer knappen Stunde Verspätung kommt schließlich der Bus, aus dem ein Fahrrad ausgeladen wird, das wird sie sein. Außerdem steigen noch vier Ziegen in Tragetüchern eingewickelt aus, das muss eine spannende Fahrt gewesen sein. Am Abend gehen wir essen und machen die Planung für die kommenden Tage, in denen wir über die größte Salzpfanne der Erde fahren werden.

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Warum gibt es keine Fotos vom Chaos? Lebhafte Straßen und volle Märkte sind nicht gerade die Orte, in denen ich mit einer großen Kamera auffallen will. Zu dem Zeitpunkt des Erlebens war mir noch nicht klar, dass ich in dieser Form darüber schreiben würde und hab instinktiv keine Bilder gemacht. Hier ist also mal eure Fantasie gefragt.

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