Kaum allein

Ganz schön viel los hier auf der vielberadelten Route Carretera Austral. Kein Tag vergeht ohne andere Reiseradler zu treffen. Für mich die Gelegenheit, mal nicht alleine unterwegs zu sein und auch auf der Straße etwas Gesellschaft zu haben.

Den Anfang macht Guillermo, mit dem ich bereits erfolgreich über die Grenze und um die Kontrollen gefahren bin. Dem chilenischen Grundschuldirektor fehlt noch das Stück Careterra zwischen Villa O’Higgins und Cochrane, mir noch etwas mehr. Mit im Gepäck hat er eine Angel und verspricht mir einen großen Lachs aus den Flüssen Chiles. Natürlich angelt er nicht aus Spaß sondern zum Überleben und verzichtet deshalb auf eine teure Lizenz. Dennoch wird es etwas dauern, bis etwas Fisch auf meinem Speiseplan auftaucht. Wir brechen mit wenig Proviant auf – schließlich wird es ja irgendwo einen Fluss mit Fischen geben, das Wetter ist etwas durchwachsen, später wird es regnen. Angepeilt ist ein abgelegenes Refugio in etwa 50 Kilometern, bekannt unter Radlern von denen wir diesen Tipp erhalten. Auf dem Weg dorthin begegnen wir zwei Österreichern von Costa Rica kommend auf ihrer letzten Etappe nach Ushuaia. Kurz bevor es anfängt zu schütten erreichen wir unser Ziel, sammeln etwas Feuerholz und versuchen die solide aber zugige Holzhütte warm zu kriegen, was uns nicht so recht gelingen will. Trotzdem ein echter Luxus, kein Zelt aufbauen und nasswerden lassen zu müssen. Lediglich Fisch haben wir an diesem Abend nicht, ich versuche mit meinen Notreserven etwas Anständiges zu kochen: Risotto mit getrockneten Tomaten. Denkt man sich einen leicht geschmolzenen Büffelmozarella und frisches Basilikum sowie ein schönes Glas Wein dazu ist das Gericht perfekt. Andernfalls geht auch die Würze des Hungers wie in unserem Fall. Als am nächsten Morgen der Regen nachlässt und ich ein patagonischen Porridge gefrühstückt habe – Dulce de Leche und Beeren des Calafate-Strauches – machen wir uns auf zur Fähre, die uns ein kleines Stück über den Fjord bringen wird. Die vorletzte haben wir geradeso verpasst, es gibt aber auf beiden Seiten Aufenthaltsräume. Etwas Pech für uns, dass wir dann noch die letzte Überfahrt nehmen und am anderen Ufer schlafen, dort gibt es nämlich keine Toiletten aber es ist ebenfalls trocken.

Guillermo gibt mir ein wenig Nachhilfe und füllt meine Wissenslücken der chilenische Geschichte. Was ich bisher nur grob oder aus Naomi Kleins Schock Doktrin wusste wird aber bestätigt. Nach dem gewaltsamen Militärputsch gegen den demokratisch gewählten – aber eben sozialistischen – Präsidenten Salvador Allende und dessen Regierung am 11. September 1973 beginnt die Militärdiktatur Augusto Pinochets, die erst 1990 enden wird. Dessen Auswirkungen auf das Land sind heute noch ersichtlich: privatisiertes, teures Gesundheitssystem, keine öffentlichen Schulen oder Universitäten, kaum Regulierung der Wirtschaft, … Während der Diktatur werden tausende Menschen inhaftiert, gefoltert und getötet. Großzügig mitfinanziert und propagiert von der CIA. Trotzdem scheiden sich in Chile die Geister an »Pinocho« Pinochet, so kam unter seiner Diktatur das Land aus einer schweren Krise – vor allem aufgrund Investitionen und Devisen aus dem Ausland. Milton Friedman und Vertreter der neoliberalen Chicagoer Schule statteten der Regierung einen Besuch ab und probierten ihre marktliberale Theorie in der Praxis aus. Augusto Pinochet stellte sich seither auf eine Stufe mit dem Nationalhelden Bernardo O’Higgins, welcher für die chilenische Unabhängigkeit gegen Spanien kämpfte – Pinochet ›befreite‹ das Land vom Kommunismus.

Auf der von Pinochets Militär gebauen Carretera Austral geht es also weiter. Ab und zu weisen Gedenktafeln darauf hin, dass auch bei dem Bau Soldaten ihr Leben gelassen haben. Am nächsten Tag fahren wir nach Caleta Tortel, einem Fischer- und Holzdorf. Gebaut ausschließlich auf Stegen, Straßen gibt es hier nicht, dafür viel Holz. An den folgenden Tagen halten wir an fast jedem Fluss um unser Abendbrot zu angeln, was erst an einem See überraschenderweise gelingen wird. Der mir versprochene Lachs fällt etwas kleiner aus als erwartet, es werden immerhin zwei Forellen und so passen die beiden Sardellen nebeneinnder in meine kleine Camingpfanne. Das zugegeben sehr feine Amuse-Bouche reicht zwar nicht aus, um uns satt zu kriegen, ist aber trotzdem ein Gaumenschmaus nach fast einer Woche Vorfreude. In Puerto Tranquilo trennen sich unsere Wege, Guillermo schwört dem anstrengenden Fahrradfahren ab und will in Zukunft mit dem Motorrad Chile erkunden. Ich besichtige noch die Capillas de Marmól, natürlich geformte Marmorhöhlen im Lago Carrera General, die der spitzen Form nach an gotische Bögen erinnern und fahre danach alleine weiter. Ich verliere unterwegs mein äußerst praktisches GPS, lasse mir auf einem Campingplatz meinen Ersatzakku samt Ladegerät stehlen und bekomme erst wieder gute Laune als ich in Coyhaique zusammen mit Jonathan, der mich dank Couchsurfing beherbergt, den Piscola (Pisco + Cola) día feier. Mir laufen zwei bekannte Gesichter über den Weg, die zwei schweizer Velofahrer hatte ich auf dem Camping in El Calafate bereits kennen gelernt, als ich dort das erste Mal war. Ich habe sie tatsächlich eingeholt, sie scheinen noch gemütlicher zu fahren als ich. Wir verabreden uns zu Kaffee und Kuchen und ich berichte von meiner Passüberquerung, was ich ihnen noch schuldig war.

Capillas De Marmól

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Als ich wieder auf der Straße bin dauert es nicht lange, bis ich zwei andere sympathische Radler finde, denen ich mich anschließen kann. Abermals ein echter Glücksfall. Die zwei aus Constitución sind auf dem Weg nach Puerto Aisén – für mich ein kleiner Umweg. Trotzdem hefte ich mich an die Fersen der Ex-Profiradlerin und komme in den Genuss einer Unterkunft und netter Gespräche bei Freunden in der Stadt. Außerdem geben sie mir einen Intensivkurs in Chilenisch, den ich bitter nötig habe. Wenn sie richtig loslegen und wie ein Wasserfall mit all ihren anderen Wörtern und Modismen reden komme ich immer noch nicht mit. Da dachte ich bisher, ich könnte etwas Spanisch aber weit gefehlt. Nach drei Tagen trenne ich mich aber schon von den beiden, sie wollen vor allem Sport machen, mit Trekkingtouren und weniger Gepäck auf dem Rad – ich will meine Energie lieber in Vorwärtskommen stecken und hole somit die beiden Schweizer erneut ein. Wir kommen in das Dörfchen Puyuguapi, welches in den 1930er Jahren von deutschen Siedlern gegründet wurde. Namen wie »Helmut Hoppendiezel«, nach welchem eine Brücke, eine Straße und ein lokales Bier (»Roter Teppich Ale«) benannt sind und die Architektur erinnern daran. Die Teppichfabrik produziert noch heute, gefunden haben wir sie nicht. Der Wetterbericht für die kommenden Tage prognostiziert Regen, pünktlich ab zehn Uhr morgens setzt dieser ein, als ich mich auf meinen Sattel schwinge. Warten wie meine Begleiter wollte ich nicht, es hätte sich auch nicht gelohnt, die folgenden Tage regnet es fast ununterbrochen.

Ich entscheide mich für Argentinien und fahre im Kayakparadies Futaleufú über die Grenze. Nach drei Tagen endlich wieder Sonne und altbekannte Gesichter: zwei Basken die mit mir im Casa de Ciclistas in Chaltén waren und die mir in Coyhaique und Futaleufú begegnet sind. Eine weitere Eigenschaft der Carretera: immer wiederkehrende Gesichter. So traf ich die zwei Israelis mit denen ich am Lago O’Higgins auf das Schiff gewartet hatte in dem Hostel in Villa O’Higgins, in Caleta Tortel, in Cochrane, auf dem Weg nach Coyhaique. Per Anhalter zu fahren scheint genauso schnell zu sein. In der nächstgrößeren Stadt in Argentinien Trevelin machten wir uns auf die Suche nach einer Unterkunft. Auf dem Weg hatte ich von einem entgegenkommenden Argentinier einen Kontakt zu der örtlichen Sporthalle bekommen, wo man nächtigen und kostenlose warme Duschen genießen könnte. Leider war Sonntag und der Poliportivo geschlossen. Da auch der Nationalpark Öffnungszeiten hatte, bemühten wir uns diese zu verpassen und umgingen so den Eintritt. Diesen Tipp hatten wir ganz offiziell von der Touristeninformation bekommen. Natürlich war es schon dunkel, als wir einen Platz für unsere Zelte fanden und die Nacht unruhig – hatte ich tatsächlich vergessen, mein Zelt windfest zu machen? Dabei war ich doch wieder in Argentinien.

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Literatur
Klein, Naomi: Die Schock Strategie – Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main. 2007

Eine bemerkenswerte Analyse erschreckend vieler Beispiele von Implementierungen eines neoliberalen Kapitalismus nach einem Katastrophenfall – einem natürlichen oder durch Menschen provozierten, wie im Fall Pinochets. Außerdem Einblicke in das CIA-Folterhandbuch, dessen Umsetzung in der Praxis und deren Auswirkungen.

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