Grenzerfahrungen

Auf dem direktmöglichstem Weg zurück nach El Calafate, d.h. über die grüne Grenze bzw. den Paso Verlika. Statt 300 nur 60 Kilometer, statt trist – abwechslungsreiche Landschaft, statt flach und windig – 4000 sehr abenteuerreiche Höhenmeter.

Zunächst wurde ich dank Shuttleservice von Anna direkt bis zum Anfang des Abenteuers gebracht. Das Stück Hauptstraße zwischen Puerto Natales und dem Park kannte ich bereits ganz gut – ein unspektakulärer Tag blieb mir also erspart. Mein Rad hat irgendwie im Auto seinen Platz gefunden, obwohl zugegebenermaßen die Pickups und LKW, die mich sonst immer mitgenommen haben, ein etwas größeres Platzangebot bieten. Abgesetzt unweit des kleinen Dörfchens Cerro Guido konnte es also losgehen. Mein Plan: über die »grüne Grenze« von Chile nach Argentinien kommen. Mit dabei die Beschreibung von Radlern, die es vor etwa zehn Jahren gewagt haben. Zitat: »It is only for masochists … but the story is that counts …«

Einen offiziellen Grenzübergang gibt es nicht, ebensowenig wie einen Weg. Das sind die zwei Probleme, die es zu meistern gilt. Dank Beschreibung und GPS verursachte letzteres weniger Herzklopfen und Bangen. Unwissenheit galt der Situation an den Grenzposten, wenn ich wieder nach Chile einreisen will. Ohne Ausreisestempel von Chile, ohne Einreisestempel nach Argentinien, … was würde mich da erwarten? Darauf gab die einzige aufgefundene Informationsquelle von vor zehn Jahren keine Antwort. Es hieß lediglich, dass es illegal sei, zu Problemen führen würde und man mit einer ordentlichen Strafe plus bürokratischem Wahnsinn rechnen müsse. Was würde mich also auf dem weiteren Weg von El Chaltén nach Villa O’Higgins erwarten? Jetzt galt es aber erst einmal den Pass zu überwinden, auf dem Weg hatte ich dann genug Zeit, mir eine Strategie für die kommende Herausforderung zu überlegen.

Gleich zu Beginn fuhr ich in Gesellschaft eines Fahrradfahrers, der sich in seiner Pause von der Arbeit im Nationalpark sportlich betätigte. Ich erzählte ihm also von meinem Vorhaben, worauf er mir vorschlug, doch im nächsten Dorf nach einem Weg zu fragen. Es gäbe eine Polizeistation, die mir sicherlich Auskunft geben könnte. Ich bedankte mich für die Anregung, lehnte es aber ab, was er gut nachvollziehen konnte, als ich ihm erklärte, dass es etwas illegal sei. Die verschlafene Zollstation in Cerro Guido passierte ich unbemerkt, es folgte ein stetiger Anstieg mit sagenhaftem Ambiente und einigen teils verlassenen Estancias. Nach den letzten beiden Häusern höret die Straße dann auf, ihr folgte eine Pickupspur. Nächtigen konnte ich unweit des eisigen Baches aber mit wärmender Abendsonne, nur für mich alleine.

Am nächsten Tag, nach einigen Durchquerungen des immer selben Flusses, hört dann auch die Autospur auf, mein Weg geht aber weiter. Ab und zu ist noch ein teilweise fahrbarer Perdepfad erkennbar doch das Fahren weicht allmählich dem Schieben, mit Gurt um die Hüfte gespannt auch mal Ziehen. Durch sumpfig hügeliges Terrain, etwa einen Tag lang. Etwas vor dem Pass ist meine Energie für den Tag bereits aufgebraucht, ich fülle nach und richte mein Nachtquartier ein, umgeben von Berggipfeln und der Abendsonne.

Beim letzten Kilometer ist an Schieben nicht mehr zu denken. Die Vegetation wird spärlicher, weicht einer Geröllhalde. Ich montiere die Taschen ab und trage alles in Einzelteilen den steiler werdenden Berg hinauf. Oben angekommen empfängt mich ein unvorstellbar starker Wind – eigentlich wollte ich eine gemütliche Pause machen. Für ein Gruppenfoto reicht es aber trotzdem. Meine Hoffnung, nach zwei Tagen endlich wieder im Sattel sitzen zu können zerschlägt sich schlagartig, als ich auf der anderen Seite hinunterschaue. Ähnliches Geröll, sehr steil, weiter unten Sumpf und sehr unangenehme pieksige Grasbüschel. Weiter gehts mit bergab schieben, bremsen. Ist nicht ganz so kraftauftreibend wie bergauf aber trotzdem langsam. Den Anfang des im meinem GPS notierten Weges erreiche ich diesen Tag jedenfalls nicht mehr.

Ich komme erst ungewöhnlich spät los, vor mir liegen noch etwa 50 anspruchsvolle Kilometer bis El Calafate. Den Tag beginne ich mit Schieben. Den Weg erreiche ich schließlich und kann tatsächlich wieder fahren, ein kleines Stück jedenfalls. Ein paar Mal durch den Fluss, ordentlich Gegenwind an einigen Stellen, teilweise an den Felsen vorbeischieben, die den Weg schwierig machen. So etwas nennt sich hier dann Ruta Provincial 10. Es geht noch mal gut bergauf und bergab, das Fahrradfahren habe ich jedenfalls während der zwei Tage Schiebearbeit nicht verlernt. Meine Reserven an Nahrungsmitteln gehen allerdings zur Neige, die Sonne langsam unter. Endspurt nach El Calafate, um dort erleichtert festzustellen, dass die Supermärkte montags bis sonntags von 9 bis 22 Uhr geöffnet haben – mein abwechslungsreiches Essen ist damt gesichert.

Jetzt bin ich also wieder in Argentinien, aber habe leider keine Stempel in meinem Reisepass, die das bekräftigen könnten. Irgendwie wurde oben am Pass wohl vergessen, ein Grenzübergang einzurichten. Das nächste Abenteuer wäre damit gesichert: wie schaffe ich es, mich elegant um die nächsten Grenzkontrollen zu mogeln? Die befinden sich auf dem Weg zwischen El Chaltén und Villa O’Higgins. Dazwischen liegt außerdem ein sechs Kilometer langer Pfad bergauf (immerhin, schieben kann ich jetzt) und zwei Seen, bei zu viel Wind setzen die Schiffe aber nicht über. Abenteuer, ich komme!

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