Gegen den Wind

Viele Autos und LKW hupen mich mit meinem vollbeladenen Fahrrad die Rutas Nacionales entlangfahrend an, die Meisten grüßen nur per Lichthupe umd Handzeichen, wenn sie mir entgegenkommen. Manche nehmen mich auch mal ein Stück mit, wenn sie sehen, wie ich mich gegen den Wind aus Westen abmühe.

Poco a poco más argentino

Ich verstehe und spreche jetzt ebenfalls Castellano, trinke auch Mate und esse zum Frühstück meistens Porridge mit argentinischem Flavour: Dulce de leche – das südamerikanische Nutella, gezuckerte, karamellisierte Milch als Brotaufstrich. Sehr süß aber auch sehr lecker. Die Empanadas sind sehr zu empfehlen, mit dem Essen komme ich gut klar, auch wenn ich mir meistens noch zu wenig koche, wenn ich unterwegs bin. Der Wein ist auch in Ordnung.

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Wind gegen Fahrrad

Der erste Tag auf dem Fahrrad verlief prima, nachdem ich mich an die grüßenden Auto- und LKW-Fahrer gewöhnt hatte, die in Europa so nicht anzutreffen sind. Der Wind war stetig aber nicht zu stark, die Vorhersage hatte einen Volltreffer gelandet. Mein Ziel schien erreichbar: in zwei Tagen bis zum bosque petrificado – versteinerte Baumstämme – in der Nähe der nächsten Stadt Saramiento. Doch schon am folgenden Tag bekam ich die volle Breitseite des Windes zu spüren. Fahren unmöglich und zu gefärlich. Keine Chance, der Wind treibt mich auf die Gegenfahrbahn, ich kann dem nichts erwidern. Selbst Schieben ist eine Qual. Nach erfolglosem Versuch, per Anhalter weiterzukommen, steige ich wieder aufs Rad und mühe mich weiter ab. Ein Pickupfahrer hat erbarmen, hält an und nimmt mich bis nach Saramiento mit. Die Ölfelder weichen allmählich den schier unendlichen Steppen mit Schafen. Mein Gönner schwärmt auf der Fahrt von dem patagonischen Lamm, wtdurch mein Appetit entgültig geweckt ´tird. In der Stadt verraten mir dann die mein Fahrrad bewundernden Einheimischen den kleinen Eckladen, wo ich einkaufen kann. Weiter geht es in Richtung bosque auf einer sehr gut zu fahrenden asphaltierten Straße, wenigstens die ersten 15 Kilometer. Dann folgt eine üble Schotterpiste mit heftigem Seitenwind, sodass ich ständig von der Fahrspur in den losen Schotter gedrückt werde, wo ich stecken bleibe. Weiterfahren nicht möglich, ich suche mir einen Platz für die Nacht.

Gut Kirschen essen in Saramiento

Und werde fündig, auf einer Kirschfarm mitten in der Erntezeit kurz vor Weihnachten. Ein Kilogramm hatte ich mir in der Stadt bereits gekauft, gut zwei weitere bekam ich dann noch geschenkt. Die hielten dann ein paar Tage, bis sie so langsam schlecht wurden, wir mir auch. Den bosque habe ich dann links liegen gelassen und bin weiter nach Westen gefahren bzw. habe es versucht. Der Wind wurde stärker sodass ich nur etwa 25 Kilometer vorangekommen bin. Auf gut Glück bin ich dann die vier Kiilometer unbefestigten Weg in Richtung See und wurde mit einem exklusiven Zugang zum Wasser belohnt. Dessen niedrige Temperatur konnte mich nicht davon abhalten, mich kurz zu baden. Die sehr stürmische Nacht hat mein Zelt sehr gut überstanden, mir hatte der Wind allerdings den Kopf durchgepustet, sodass ich mit Kopfschmerzen und einer sich ankündigenden Erkältung zu kämpfen hatte. Auch am folgenden Tag ließ der  Wind kaum nach, dafür ging es aber stets bergauf. Außer auf den langen, geraden, langweiligen Straßen ließ es sich fahren. Bergab bis zur Ruta 40 hat mich dann ein mit einem weiteren Fahrrad beladener Pickup mitgenommen.

Mit Gegenwind bergab zu fahren ist mit das Deprimierendste, was ich bisher erlebt habe. Wenn man wahnsinnige Kraft aufwenden muss, um bergab nicht stehen zu bleiben ist das sehr nervenaufreibend. An der Ruta 40 fand ich den ersten Fluss überhaupt mit Bäumen und einem A-Horizont. Ich überlegte nicht lange und ließ mich zur Nacht am Wasser nieder. Am folgenden Tag machte ich mich dann zur nächsten Stadt Río Mayo auf.

Sprung nach Perito Moreno an Weihnachten

Etwa zehn Kilometer vor der Stadt hielt ein LKW an und fragte mich, ob er mich nach Perito Moreno mitnehmen solle. »¡Es Navidad!« So verbrachte ich Heiligabend auf dem Camping Municipal, dem bis dahin ersten Campingplatz, den ich bis dato besucht hatte. Musikalische Untermalung des Abends fand durch eine Band bzw. ein einzelnes Mischinstrument aus schiefer Blockflöte, kaputter Tuba und Digeridoo statt. Der folgende Tag nutzte ich zum Ausruhen und bekam prompt eine Einladung zum Essen von zwei durch Südamerika reisenden Italienern.

Mein nächster Stoppp war  die Cuerva de las manos – Die Höhle der Hände. Etwa 9.000 Jahre alte Grafitti von hauptsächlich linken Händen und Darstellungen von Jadgten auf Guanacos. Bis zur Herberge überwand ich die Schotterpiste, am Abend bekam ich dann die Einladung einer Familie, sie in ihrem Allrad-Geländewagen zu begleiten. Mittags machten wir dann halt um ein patagonisches Asado zuzubereiten und zu verspeisen.

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Ich machte mich weiter auf Richtung Bajo Caracoles, in der Hoffnung dort etwas zu essen kaufen zu können und mir etwas Bargeld zu holen, was nach meinem Aufenthalt in der Herberge fast aufgebrauct war. Auf dem Weg dorthin hielt ein Auto, an welchem hinten ein Mountainbike unkonventionell befestigt war. Es stiegen zwei Personen aus von denen mich einer direkt fragte, ob ich Wasser hätte und ob alles gut sei bei mir. Der Australier hatte schon zwei Drittel der Welt mit dem Fahrrad in Stücken bereist und war jetzt nach Usuhaia unterwegs. Ich bekam die Info, dass etwa zwölf Kilometer hinter mir drei Argentinier auf dem Fahrrad in die gleiche Richtung unterwegs seien. Außerdem schenkte er mir noch eine Packung Walnüsse und ewas Limonade. Den restlichen Tag versuchte ich dann vergeblich, die anderen Radler abzuwarten, ohne Erfolg. Am nächsten Morgen machte ich mich dann in aller Frühr auf, ich wurde aufgeklärt, dass der Wind um die Mittagszeit am heftigsten ist.  

Los tres argentinos rápidos – die drei schnellen Argentinier

In Bajo Caracoles treffe ich dann auf die angkündigten drei Radler aus Buenos Aires. Ich deckte mich mit etwas zu Essen ein und weiter ging es dann zu viert. Santiago, Nacho und Juan hatten ein etwas anderes Tempo drauf als ich, immerhin wollten sie so schnell wie möglich El Chaltén erreichen da sie nur begrenzt Zeit hatten. Zwei Tage bis nach Gobernador Gregores, zwei weitere bis Tres Lagos wo wir Neujahr eintrafen. Dass ich kaum noch Bargeld hatte machte nichts, so war ausnahmslos alles geschlossen, inklusive Campingplatz. Dort ließ ich mich dann Wild nieder und wurde von meinen Neujahr-feiernden Nachbarn zum Asado eingeladen.

Für mich ging es dann alleine weiter nach El Calafate. Auf dem Weg dorthin kamen mir zwei Engländer und ein Slowene entgegen, ich machte kurz Halt im Pinken Haus, wo scheinbar alle Fahrradfahrer die Wände signieren, die auf dem Weg von oder nach Usuhaia sind, und schaffte es in zwei Tagen nach El Calafate.

Touri-Stadt

Die erste nicht authentische argentinische Stadt, die ich bislang besichtigt habe. Alle können Englisch, die Touris sprechen Deutsch, Italienisch, Französisch, … Kurz: es ist schrecklich hier und die einzige Attraktion ist der zugegebenermaßen beeindruckende Gletscher Perito Moreno, wo ich gestern mit einem überteuerten Bus hingefahren bin. Als Entschädigung gibt es einen Luxus-Campingplatz, Geldautomaten, Bäckereien, … alles! 

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Aussicht

Morgen mache ich mich auf nach Puerto Natales, dafür plane ich so drei bis vier Tage, je nach Wind. Dort hoffe ich auf eine Unterkunft via Warmshowers, um die Touri-Überlaufenden Campings vermeiden zu können. Es ist zwar auch mal ganz nett, sich auf Deutsch und Schweizerisch unterhalten zu können aber auf Dauer nervt das alles etwas. In Chile werde ich dann wahrscheinlich durch den Nationalpark Torres del Paine wandern und in Kauf nehmen müssen, dass die Wege von ausländischen Touristen wie mir überlaufen sind.

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