Flach und salzig

Die Überquerung der größten Salzpfanne der Erde, des Salar de Uyuni, ist wohl obligatorisch, wenn man mit dem Fahrrad in Südamerika unterwegs ist. Da man sich in diesem Nichts schnell verliert, verabrede ich mich mit Kate, um dieses Abenteuer gemeinsam zu erleben.

Auch wenn ich sonst eher keine Probleme damit habe, alleine unterwegs zu sein habe ich etwas Respekt vor dem großen Nichts und bin glücklich, dass sich mein Plan mit dem von Kate ein deckt. Von absolut Nichts auf dem Salar würden Alleinreisende verrückt werden, sagen mir die Einheimischen. Die Menschen würden sich Fata-Morganas einbilden, Männer die schönsten Frauen sehen und diesen blind folgen, sich in Folge verirren und für immer verschwinden. Dass ersteres trotzdem eintreffen würde lag daran, dass ich nicht ahnen konnte, wie verrückt meine Reisebegleitung sein würde, dies stellte sich erst später bei der Fotosession heraus. Kate hatte ich in Argentinien kennen gelernt und in den paar Stunden, in denen wir zusammen gefahren waren, bereits festgestellt, dass wir die selben Interessen haben und auch unsere Räder ziemlich ähnlich sind, was für eine gleiche Philosophie spricht. Die Chemie scheint zu stimmen, um es zwei Wochen miteinander auszuhalten.
Es kamen mir nur kurz Zweifel daran, als wir auf dem Markt für die nächsten Tage einkaufen und überlegen, welche Mengen wir brauchen werden – dabei gingen unsere Vorstellungen weit auseinander. Ich hatte etwas gezögert, einem gemeinsamen Kochen zuzustimmen, hab ich die schlechten Erfahrungen mit anderen Radlern zu kochen noch schmerzhaft hungrig in Erinnerung. Aber wenn ich beim Einkauf besser aufpasste, könnte ich größere Katastrophen verhindern. Reichlich Gemüse, Quinua, Kekse, Käse, … wandern in unsere Taschen. Gegen den Großeinkauf kann Kate wenig sagen, mein Trumpf ist der Verweis auf die nicht vorhandenen Höhendifferenzen auf dem Salar. Gebremst werde ich beim Shoppen lediglich bei Brot und Hafer, so etwas Grundlegendes werden wir sicherlich auf der Insel im Salar finden, die wir in wenigen Tagen erreichen würden.

Die letzten Vorbereitungen sind dann noch, das ganze Essen irgendwo zu verstauen sowie meinen dünnen, schon nach wenigen hundert Kilometern profillosen Crossmantel, der mir einige Platten beschert hat, endgültig zu verbannen. Außerdem putze ich noch die Nabe, für die Fotos. Am Abend kommen wir los und rollen noch die kurze Strecke nach Colchani zum Beginn des Salars und verbringen dort die Nacht in einem aus Salz gebauten Hotel: Wände, Tische, Stühle, unbequeme Betten, … ein Vorgeschmack (der Gag musste sein) auf die kommenden Tage, wo wir mit dem Salz des Salars unsere hartgekochten Eier salzen werden. Am Abend, nachdem wir das Dorf erfolglos nach einem Restaurant abgesucht hatten und letztlich bei der einzigen Imbissbude gelandet waren, mariniere ich den zwar gut gesalzenen aber sonst geschmacksneutralen Kuh- und Schafskäse – bestimmt keine Woche jung – mit getrockneten Kräutern. Immerhin habe ich Kate eine genussvolle Zeit in Aussicht gestellt. Ihre Ankündigung, am nächsten Tag zu kochen, stimmt mich positiv. Nicht, weil ich das dann nicht machen muss, sondern weil so die Verantwortlichkeit geklärt ist, das Hauptproblem meiner vorangegangenen Erfahrungen. Dass diese Verantwortung von Kate wahrgenommen wird, bezweifle ich nicht, sie weicht schon mal Linsen für das Abendessen ein.

In Worte zu fassen, wie es ist, mit dem Fahrrad über den Salar zu fahren, ist nicht einfach. Objektiv gesehen gibt es nichts Großartiges zu sehen: blauer, wolkenloser Himmel, zumindest die ersten Kilometer sind noch einige Berge am Horizont zu sehen, später verschwinden auch diese. Der Untergrund steinhart, hellweiß, flach, salzig, etwas holperig, kristallin-knirschend. Dort wo die Tourijeeps fahren ist es glatter aber auch schmutziger. Die Faszination dieser einzigartigen und nie zuvor gesehenen Landschaft sowie die Möglichkeit, überall, kreuz und quer fahren zu können, hält etwa die ersten 50 Kilometer an, bevor es beginnt, langweilig und eintönig zu werden. Kate scheint schon früher Motivationsverlust zu haben und so kommen wir spät bei der Touriinsel Inkahuasi an. Mit meinen immer noch lädierten Sehnen bin ich jedoch sehr froh über die »Bremse«, auch wenn das böse klingt. Ansonsten wäre die nächste Überbelastung nicht weit, hätte ich am nächsten Tag eine 80-Kilometer-und-mehr-Tour in Erwägung gezogen.

Wie nicht anders erwartet, hält Kate ihr Versprechen und übernimmt die Verantwortung für das Abendessen und die Steine im Gemüse-Quinua, schmeckt das Linsengemüse würzig mit selbst zusammengestellter Currymischung ab. So hatte ich mir das vorgestellt. Morgen würde ich an der Reihe sein und liefern müssen, schließlich ist es auf meinem Mist gewachsen, dass wir kiloweise Gemüse mit uns rumschleppen. Zum Glück hatte ich auf der Salzpfanne genug Zeit, um über ein Gericht mit ebendiesem Namen nachzudenken.

An der Isla Inkahuasi werden wir von einer Armada von Jeeps begrüßt, als wir abends ankommen. Das Positive an der Touriinsel ist, dass es Wasser gibt sowie einen kleinen Laden, der jedoch weder Brot noch Hafer im Angebot hat, wie von Kate fälschlicherweise prophezeit. Wie gut, dass wir Bekanntschaft mit zwei Österreichern machten, welche uns beim Frühstück überrascht hatten. Deren Guide überlässt uns großzügig das übriggebliebene Brot und den Kuchen und ergänzt so unsere Kohlenhydratreserven. Wir einigen uns darauf, einen kurzen Tag zu machen und zu einer der vielen einsamen Inseln zu fahren, um dort ungestört zelten und Fotos machen zu können.

Schon seit längerem überlege ich, welches Gericht sich wohl hinter dieser ominösen »Salzpfanne« verbirgt. Wir haben genug Zeit, also probiere ich mich an »In der Salzpfanne gegarter Rote Bete begleitet von pikantem Gemüsequinua mit frischen Erbsen«. Man benötigt dafür etwa anderthalb Kilogramm Salz. Wenn man gerade auf einem Salar unterwegs ist, eignet sich dieses Gericht vortrefflich für unterwegs, zudem keinerlei Wasser zum Garen benötigt wird. Die Salzgewinnung gestaltet sich trotz des gewaltigen Vorkommens als kompliziert. Mit Zelthering und Stein schlagen wir mühsam die oberen zwei Zentimeter ab, darunter ist es dunkler und steinhart. Die weitere Zubereitung ist hingegen denkbar einfach, Salz in eine Pfanne, evtl. Kräuter hinzu, die verbrennen und eine leichte Rauchnote hinzufügen, Rote Bete darauflegen, zudecken und auf sehr kleiner Flamme oder in der Glut eines Feuers etwa eine dreiviertel Stunde erhitzen, je nach Größe der Stücke. Diese sollten so portioniert sein, dass sie zum einen klein genug sind, um schnell zu garen und andererseits groß genug, dass sie nicht zu viel Salz aufnehmen. Einige Stunden Dilemmalösung während man über den Salar fährt sind dafür im Vorfeld einzuplanen. Dazu habe ich einen Gemüse-Quinua mit frischen Erbsen serviert sowie das ganze mit Chili, Koriander und Limette abgeschmeckt. Nicht das letzte Mal, dass ich die Kapazitäten eines Campingkochers bis aufs Letzte ausreizen würde.

Zur Aufwärmung am nächsten Morgen jogge ich noch eben auf den kleinen Hügel der Insel und genieße die Aussicht von oben. Es sieht aus wie ein Meer in weiß. Außerdem wachsen dort jahrhundertealte Kakteen an die fünf Meter hoch, beeindruckend. Als wir uns dem Ende des Salars nähern, kommen uns zwei Fahrzeuge mit Kindern entgegen gefahren, die uns zum Anhalten auffordern. Wir bekommen je eine Mandarine geschenkt und dann geht das Spektakel los. Wir machen ein Gruppenfoto, d.h. mehrere, mit jedem verfügbaren Gerät eines. Die ganze Aktion ist filmreif. Mehrmals ist die Gruppe im Auflösen begriffen, wird aber immer wieder zum Posen zurückgerufen, weil noch ein Handy kein Bild hat. Nach zehn Minuten ist der Spuk vorbei und es wird wieder ruhig.
Das Ende des Salars ist in Sicht. Die feste, gut zu befahrene Oberfläche weicht der typisch schlechten bolivianischen Straße. Sandig, Wellblech-Hubbelpiste (was Kate besser zu verkraften scheint bzw. mit mehr Humor nehmen kann »Juchuu, ich bin ein Känguru!«). Die letzten Kilometer bis nach Llica ziehen sich in die Länge. Wir beziehen Herberge, kochen und schlafen. Ich versuche es zumindest, doch mein Verdauungsapparat lässt mich nicht und so wird die Nacht kurz. Argumente, die gegen einen Ruhetag sprechen, gibt es keine. Den Tag darauf wollten wir ruhig angehen lassen und nur bis ins nächste Dorf Tres Cruzes, unter 40 Kilometern fahren. Dass dies trotzdem eine heftige Tour werden würde, ahnten wir nicht. Das Problem waren nicht etwa Steigungen oder Gegenwind, sondern Sand, einen schlimmeren Feind für Radler gibt es nicht. Die Straßen hier scheint niemand geplant oder gebaut zu haben, vielmehr sind es häufig befahrene 4×4-Spuren die sich oft aufteilen, wenn eine Spur zu sehr eingesandet ist, dann wieder zusammenführen. Ob es an meinem Glück, den richtigeren Weg gefunden zu haben, lag oder an der Rohloff, mit der ich schneller schalten und kleinere Sandhaufen einfach durchfahren konnte, jedenfalls schien der Schiebeanteil bei Kate deutlich größer auszufallen. Die letzten 500 Meter war dann aber auch bei mir Schluss mit Fahren. Sehr mühsam kämpften wir uns durch den tiefen Sand bis zum Dorf, wissend, dass wir morgen den selben Weg zurückschieben müssten. Als Nachtquartier wurde uns das Schultheater angeboten, wo zwar noch eine Versammlung stattfinde, was wir aber mangels Alternativen nicht ablehnen konnten. Montezuma hielt mich auch diese Nacht voll im Griff, die zusätzliche Appetitlosigkeit führte zu dem zweiten Tag ohne Nahrungsaufnahme, was sich am Abend als Colacraving bemerkbar machen sollte. Bis dahin war es jedoch noch ein schwerer Weg über den Salar de Coipasa, welcher nicht eine so feste Oberfläche wie der Salar de Uyuni hat. Die meiste Zeit war er nicht befahrbar, da wir ständig eingesunken sind mussten wir wohl oder übel schieben. Insgesamt hatte dieser kleinere Salar aber mehr Charme. Nicht etwa, dass er überschaubarer wäre, aber viel sauberer und mit schneebegipfelten Bergen am Rand, irgendwie netter.

Nicht so der namensgebende Ort Coipasa, den wir am frühen Abend erreichen. Eine Cola aufzutreiben ist überhaupt kein Problem, wer hätte das gedacht? Jedoch gestaltet sich die Suche nach einer Unterkunft schwierig. Hatte uns zwar gleich bei unserer Ankunft ein älterer Herr einen Abstellraum mit zwei sehr unbequemen Betten und ohne Bad angeboten, doch wussten wir, dass es auch »richtige« Unterkünfte gab. Nur waren diese alle beide wegen des Dorffestes belegt. Eine andere Option wie Schule, Polizei oder Feuerwehr tat sich leider nicht auf, sodass wir wohl oder übel keine Wahl hatten. Kate kocht und freut sich über einen motivierten Assistenten zum Gemüseschneiden.

Wir schaffen es am nächsten Tag nach Sabaya, doch auch dort habe wir zunächst wenig Glück beim Auftreiben einer Bleibe. Es gibt zwar ein Hostal und sogar ein Hotel, aber beide sind geschlossen. Wir sollen ein »ratito« warten, das berüchtigte Weilchen, dann würde der Besitzer zurückkommen, der momentan auf dem Land ist und seine Lamas versorgt. Den Trick mit dem Weilchen kennen wir bereits, das kann Stunden dauern. Also machen wir uns auf die Suche nach Alternativen. Fragen beim Rathaus, werden zum Ladenbesitzer Simón Fernández und der Brotverkäuferin an der Ecke begleitet, bei denen wir anfangs schon waren, fragen auf deren Empfehlung beim Krankenhaus, warten, negativer Befund. Gehen wieder zurück zu Simón, denn wir haben beide aufgeschnappt, dass er fallen gelassen hatte, ein Zimmer zu haben, aber ohne Betten, weshalb er es uns nicht anbieten könne. Ein Glückstreffer, geräumig, halbwegs sauber, Licht und Steckdose, 10 Bs die Nacht, aber ebenfalls weder Bad noch Klo. Ich versuche mich an Bratlingen, sehr einfach und eine willkommene Variation unseres Speiseplanes. In den Quinua mit Gemüsebrunoise schlage ich ein Ei rein und backe sie aus. Serviert auf einem geschmortem Tomaten-Linsen-Eintopf bin ich ziemlich zufrieden mit dem Resultat. Den nächsten Abend improvisiert Kate ein Familienrezept mit einem Bruchteil der dazu eigentlich notwendigen Küchenutensilien, wir überbieten uns ständig. In den folgenden Tagen karamellisiere ich Rote Bete auf dem Campingkocher, sie versucht sich an Milchquinua. Verwunderlich, dass wir am Ende immer noch etwas von dem Getreide übrig haben.

Wir legen einen Ruhetag ein zum dringend benötigten Fahrradputzen nach dem ganzen Salz. Außerdem fühlen wir uns nicht ganz fit für die fehlenden 200 Kilometer nach Oruro, wo es hoffentlich eine dringend benötigte warme Dusche geben wird. Der Provianteinkauf ist amüsant, es gibt zwar sehr viele Geschäfte, aber diese führen kaum das, was wir brauchen. Wir klappern sie alle ab. In einem ist ein kleiner Junge, der, als er uns sieht, mit den Worten »Los turistas están aquí!« im Hinterzimmer verschwindet. Wir sind bereits dorfbekannt, kein Wunder bei unter 400 Einwohnern. Sein Vater kommt, fragt woher wir kommen, »Ah, Alemania« und mich daraufhin mit »Heil Hitler« grüßt.

Auf der Hauptstraße rollt es sehr gut, es gibt kaum nennenswerte Steigungen und der Wind hält sich in Grenzen. So schaffen wir es in drei Tagen nach Oruro. Auf dem Weg halten wir in einem kleinen Dorf mit beeindruckend neuer Markthalle, nicht älter als fünf Jahre. Eigentlich brauchten wir nur etwas Brot, aber als die Verkäuferinnen herausgefunden hatten, dass wir Ciclistas sind, empfahlen sie uns den Comedor im Obergeschoss, wo wir dann zu Mittag gegessen haben. Kurz vor Oruro kommen wir noch an einer leider verschmutzten und zugemüllten Lagune vorbei, was die Flamingos jedoch nicht davon abhält, dort auf Nahrungssuche zu gehen – zu unserem Glück – was wäre das bolivianische Altiplano ohne Flamingos?

Oruro ist ausschließlich für den einmal im Jahr stattfindenden Karneval, den Danza de los Diablos, bekannt und das hat Sinn. Den haben wir um einige Monate verpasst, leider, denn ansonsten hat die Stadt wenig zu bieten außer authentischem Trubel. Von Kate werde ich mich verabschieden, sie hat die Schnauze voll vom Fahrrad und fährt mit dem Bus nach Sucre. Ich habe nur genug vom Altiplano und suche eine interessante Route nach La Paz, durch die Berge.

Der Bericht von Kate ist sehr lesenswert, mein Alltag mal aus einer anderen Perspektive 

Datum 21.7.2017

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