Endlich wieder Meer

Ich entscheide mich für die Familienunterbringung in Concepción und bereue es nicht. Sofort werde ich adoptiert, ordentlich umsorgt und durchgefüttert.

Das ist wirklich praktisch, wenn man so mitleiderregend mager ist wie ich nach vier Monaten auf dem Rad. »Hier ist der Kühlschrank, bedien dich!« »Fühl dich wie zu Hause!« Kein Problem, ich bekomme ein eigenes geräumiges Zimmer mit Bett und bereue die Woche, in der ich auf María José warte nicht. Ich werde zu dem jüngsten Bruder der fünf Geschwister, die in Chile verstreut leben. Bereits am Tag nach meiner Ankunft erkunde ich mit Andrés die Umgebung, schöne Strände mit leider sehr vielen Müllbergen und nicht so optimales Wetter. Wir sauen uns und die Räder jedenfalls ganz schön ein, als wir uns durch die matschigen Trekkingpfade kämpfen. Wie er sich durch die Stadt bewegt ist faszinierend, es gibt zwar einen Promenadenradweg aber ansonsten nichts, wirklich gar nichts. Alles wird dominiert von den Autos, was das einzig legitime Verkehrsmittel in dieser Stadt zu sein scheint. Will man sich halbwegs sicher fortbewegen, muss man sich den Platz von den Fußgängern erkämpfen und zahlreiche Bordsteine und Drängelgitter überwinden.

Am anderen Tag gehen wir fischen, ich weiß nicht genau, was mich erwarten wird und lasse mich überraschen. Zunächst gehts an den Hafen, wo sich Menschenmengen dort am Kai tummeln, wo kleine Fischerboote ihren Fang abladen, riesige Sierras, eine Thunfischart die ausschließlich im nördlichen Pazifik vorkommt. Der Preis überzeugt nicht, jedenfalls nicht meine Gasteltern, ich bin erstaunt. Wir kaufen lediglich für 2.000 Pesos (zwei Lukas) einen Berg Piure, was das genau ist werde ich später noch schmecken. Auf gehts zum nächsten Fischerdorf Caleta Tumbe, wo sich ein ähnliches Bild zeigt. Der Fang wird noch vor dem Festmachen der Boote verkauft und mit etwas Handlungsgeschick erwerben wir fünf große Sierras für gerade einmal 15 tausend Pesos, gut 20 Euro, geschenkt. Was macht man nun mit so viel Fisch? Zunächst auf Plastiktüten im Kofferraum verladen und dann weitersehen. Unterwegs wird einer an Bekannte weiterverkauft, zu Hause ein Teil filetiert und ein Exemplar an die Familie verschenkt. Die nächsten Tage gibt es Fisch satt, vorzugsweise ohne sättigende Beilagen.

Das Piure ist hingegen weniger schmackhaft, zumindest für mich. Mein Versuch, zu erklären, dass es sich um einen Geschmack handelt, der erlernt werden müsse, scheitert. Aber ich schlage mich tapfer und lerne drei Tage am Stück, Gefallen an dem sehr mineraligen Tier zu finden. Das erste Mal probiere ich direkt, also ohne weitere Zubereitung direkt nach dem Öffnen und ohne Vorahnung. Ich erwarte etwas ähnliches wie Auster nur in kräftigem Orange. Von der Konsistenz kommt das in etwa hin, vom Geschmack überhaupt nicht. Es dominiert eindeutig das Jod, Meer in Form von Salzwasser, das den Geschmack überdecken könnte, ist nicht vorhanden. Die nächsten Tage probiere ich mich an dem Ceviche desselben. In viel Zitronensaft gegart mit Tomaten und Koriander geht es sogar einigermaßen, ist aber immer noch gewöhnungsbedürftig. 

Nach der Pause in Concepción gehts an der Küste weiter nach Santiago. Dachte ich doch fälschlicherweise, dass da alles flach ist, wurde ich kräftig enttäuscht. Sehr üble Steigungen machen das Fahren anstrengend, es geht nie wirklich hoch aber dafür sehr steil. Teilweise habe ich Probleme selbst im ersten Gang, damit hatte ich bislang noch keine Schwierigkeiten, die Berge zu erklimmen. Als Entschädigung gibts Meer satt, gut eine Woche zelte ich ausschließlich am Strand und werde nachts vom Geräusch der Brandung in den Schlaf gewiegt. Bis auf eine Nacht Regen fahre ich ausschließlich bei traumhaftem Sonnenschein. Fast hätte ich den Umweg den Fluss Itata hinauf bereut, die Brücke befindet sich gut zwanzig Kilometer im Landesinneren. Dass man bei wenig Wasser auch abkürzen kann erfahre ich zu spät. Im kleinen Dorf mache ich Rast und als ich gerade fertig bin hält ein Pick-up und der Fahrer fragt mich kurz und knapp ¿Uvitas? Ich assoziiere, dass es sich wohl um eine Frage nach dem Weg handele und will konkretisieren. Als er mir zwei große Henkel Weintrauben hinhält verstehe ich, die sind wohl für mich gedacht. Wir kommen ins Gespräch, ich beteuere, dass ich in keiner religiösen Mission sondern aus eigenem Antrieb unterwegs bin und unsere Glaubensdifferenzen halten ihn nicht davon ab, meine Tüte zu füllen, sodass ich mit bestimmt drei Kilo Trauben von dannen ziehe. Als er mir schileßlich noch etwas Geld für ein Essen im benachbarten Lokal zustecken will, hört der Spaß jedoch auf. Dass gerade Weinlese ist und die für mich große Menge für ihn nicht schmerzlich ist verstehe ich, das andere geht jedoch zu weit. Ich versuche dies irgendwie zu vermitteln, damit er nicht gekränkt wird, und nehme mir fest vor, mich beim Frisör einem Radikalschnitt zu unterziehen, damit man mich nicht noch einmal mit Jesús verwechselt.

Etwas weiter im Norden fahre ich durch die traurigen Überreste der vor wenigen Monaten hier gewüteten Waldbrände. Da helfen auch die vielen Propagandaschilder der Agroforstgesellschaften nichts. Durch die Monokulturen mit Eukalyptus und Kiefer tragen diese ihren Teil dazu bei, dass der Boden austrocknet. Durch ausreichende Versicherung der Wälder haben sie außerdem kein wirkliches Interesse an Vermeidung von Waldbränden, wie böse Zungen behaupten. Für mich ist der Wald zwar angenehm zum Fahren aber auf Dauer dann auch langweilig. Da war ich um die Abwechslung mal froh, einen schwierig zu erreichenden Platz für mein Zelt zu finden. So sah ich auf meiner digitalen Karte einen Fluss, der gar nicht so weit von meiner Route abwich. Leider hatte ich keinerlei Lebensmittel, da ich dachte, ich würde noch an einer Einkaufsmöglichkeit vorbeifahren. Unterwegs fiel mir jedoch ein, dass ich noch meine getrockneten Pilze als Reserve habe und dann entdeckte ich noch einen Quittenbaum am Wegesrand, womit auch mein Frühstück gesichert war. Blieb nur noch die Heruasforderung, den Fluss zu durchqueren. Nach der Auskunft von einigen Bauarbeitern müsse ich lediglich meine Schuhe ausziehen. Das tat ich und stand kurz darauf bis zur Hüfte im Wasser. Die Wäsche war somit zwar erledigt, aber wie bekomme ich mein Fahrrad heile dadurch, ohne dass die Schaltung eintaucht? Mithilfe eines mit Luft gefüllten Wassersacks, der als Schwimmer diente, konnte ich es auf der Seite liegend und auf den Taschen schwimmend an die andere Seite bringen. Zum Treibstoffsparen entfachte ich dort ein Lagerfeuer zum Kochen und genoss den lauen Abend. 

Auf der weiteren Strecke finde ich einen verlassenen Campingplatz, zumindest zur Nebensaison. Es scheint kein Problem zu sein, dass ich dort verweile, und so komme ich an diesem Abend in den Genuss von fließend Wasser und einer wenn auch kalten Dusche. Ausgerechnet bei dieser steht an der Wand geschrieben »Disfruta de lo simple!« also, Genieß das Einfache! – für mich ein echter Luxus. Je näher ich Santiago kam, desto häufiger haben mich Menschen gefragt, ob ich keine Angst hätte, also habe ich kurz vor der Metropole vorgezogen, für einen sicheren Camping zu bezahlen anstatt irgndwo wild zu zelten. Leider war auch hier Nebensaison und alles verlassen und geschlossen. Bei einer riesigen Ferienanlage waren hingegen Arbeiter am Instandhalten und nach einem kurzen Telefonat mit dem Besitzer erhielt ich die Erlaubnis, für eine Nacht zu bleiben. Außerdem durfte ich die Teeküche benutzen und musste selbstverständlich nichts zahlen. Abends kam der Betreiber bei seiner Nachtrunde vorbei und fragte mich, ob alles in Ordnung sei und ich irgendwas bräuchte – was ein Service!

In Santiago nimmt mich Mailen auf, die Freundin, die bei Carla in Coñaripe zur gleichen Zeit zu Besuch war. Ich bleibe einige Tage zur Entspannung und besichtige das wenige, was die Sieben-Millionen-Stadt zu bieten hat. Gefallen tut sie mir irgendwie nicht, aber immerhin kann man besser Fahrrad fahren als in Concepción. Die Fahrradstreifen haben zwar kein System und wechseln ständig die Fahrbahn bevor sie dann plötzlich ganz aufhören, an Einmündungen haben Autos natürlich Vorrang, aber es scheint so etwas wie Respekt zu geben, zumindest spüre ich das und fühle mich auch dank der zahlreichen anderen Radler einigermaßen sicher.

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36°49′37.44″S 73°03′00.82″W

2 Gedanken zu “Endlich wieder Meer

  1. Wegen des angepriesenen Roggenbrotes habe ich zumindest angehalten, das wäre schon was feines gewesen. Leider war es noch nicht fertig, so deutsch war die Bäckerei dann nicht, dass sie mitten in der Nacht anfangen zu backen. Dafür kamen die Brötchen gerade aus dem Ofen die laut Inhaber besser als in Alemania seien was ich ihm durchgehen lassen kann. Eine wirklich feine Krume. Das Roggenbrot wäre ohnehin ohne richtigen Sauerteig gewesen. Es wurde mal versucht aber das war den Chilenen dann doch zu sauer.

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