Auszeit

Nach den Wochen auf dem Rad gibts erstmal einen Break. Ich komme auf einem Biohof in El Bolsón unter und genieße die Abwechslung

Äpfel, Himbeeren, Brombeeren, Erdbeeren, Heidelbeeren, Milch, Yoghurt, Käse, Fleisch

vom Fahrradfahren.

Aufmerksam auf den von Deutschargentiniern geführten Betrieb mit 75 ha Fläche werde ich nur durch Zufall, es stellt sich als echter Glückstreffer heraus. Ich komme etwas aus dem Trott des Fahrradfahrens während ich in den fast zwei Wochen die ich dort verbringe tonnenweise Äpfel (Rubinola) ernte, beim Sortieren der Beeren helfe, einen Tag in den Erdbeerfeldern schlemme, einige Kilogramm davon ernte. Zum ersten Mal in meinem Leben komme ich in den Genuss eines Zwetschgenkuchens zu meinem Geburtstag, die waren gerade ebenfalls reif. Nicht zu vergessen die Milchprodukte aus richtiger Milch. Mein erster Versuch in Argentinien, einen Milchreis zu kochen, scheiterte kläglich, das Ergebnis war kaum genießbar. Damals in El Calafate hätte ich mir gewünscht, dass die weiße Flüssigkeit im Karton nur nach diesem geschmeckt hätte, es war furchtbar. Hier auf dem Hof kriege ich die frische Milch direkt aus dem großen Tank hinter dem Stall. Das erste Mal auf meiner Reise esse ich Käse mit Geschmack, wenn auch nur sehr jungen, da kommt die Produktion der Nachfrage nicht hinterher. Die naturbelassenen Produkte in ihrer Einfachheit bei gleichzeitiger geschmacklicher Komplexität machen mich sehr glücklich. Oft habe ich unterwegs mit meiner eingeschränkten Küche und wenig Zeit nicht die Möglichkeit, großartige Transformationen hervorzubringen, weswegen die Qualität umso entscheidender für das Resultat ist. Diesen teilweise aus der Not heraus entstandenen »reichhaltigen Minimalismus« (ist nicht von mir, danke Frieda) empfinde ich jedoch keinesfalls als Beeinträchtigung sondern vielmehr als Bereicherung. Unterwegs entstehen dadurch sehr einfache, schmackhafte und überraschenderweise auch gesunde Rezepte. Natürlich hilft auch die »Würze des Hungers« (E. Guevara), denn es gilt das spanische Sprichwort »A buen hambre no hay pan duro.« 

Auf dem Hof ist es für mich sehr ungewohnt, dass an einem Ort abseits der Touristenansammlungen zumindest mit mir so viel Deutsch gesprochen wird. Interessant zu beobachten, wie hier die argentinische und deutsche Kultur miteinander verschmolzen sind und Generation um Generation argentinischer wird. 

Europäische Einwanderung nach Argentinien und Chile hat eine längere Geschichte als allgemein bekannt. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts gibt es eine Migrationswelle aus insbesondere Deutschland und Italien nach Patagonien. Von der argentinischen Administration wird diese Besiedelung wohlwollend unterstützt, indigene Völker wie die Mapuche und Tehuelche werden dadurch verdrängt. So werden beispielweise nach einem Dekret von 1906 der argentinischen Regierung knapp 70 deutschen Familien je eine Fläche von 2 500 Hektar angeboten, um in Río Pico im Westen Chubuts eine Kolonie zu gründen. Auf der gegenüberliegenden Seite der Cordillera wird etwa 30 Jahre später das Dorf Puyuguapi besiedelt. Bekannter dürfte die Auswanderung sein, die sich nach dem zweiten Weltkrieg ereignet hat und ja, ich habe bereits Nazis angetroffen.

Reiseliteratur

Maggiori, Ernesto: Donde Los Lagos No Tienen Nombre – La hstoria de Río Pico y la colonia alemana Friedland. Editorial Universitaria de la Patagonia, Comodoro Rivadavia 2001

Der überwiegende Teil dieses Buches besteht aus Interviews mit Zeitzeugen und deren Nachfahren. Zum Spanischlernen ist das durchaus von Vorteil, zum Verstehen der Geschichte eher hinderlich, da mühsam. Interessanter und umfassender soll das Buch La Colonización Alemana de la Patagonia des gleichen Autors sein.

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