Angenehm anders

Im Gegensatz zu Santiago ist Valparaíso eine schöne südamerikanische Stadt, die jedoch zu Fuß anstatt mit dem Rad erkundet werden will.

Ich komme auf der mir empfohlenen Autobahn 68 gut voran, gewarnt wurde ich lediglich vor den Tunneln, die keinesfalls mit dem Rad passiert werden dürfen. Meine chilenische Gastgeberin musste dieses Stück der Strecke per Anhalter zurücklegen, ich werde dank Ausländerbonus von der privaten Straßengesellschaft mitgenommen. Natürlich stelle ich mich auch sehr naiv, »Ist das zu gefährlich? – Ja, gefährlich auch, aber auch sehr verboten!  – Ach so, ehrlich? Was kann man denn jetzt machen? – Wir rufen mal an und fragen, ob wir dich das Stück mitnehmen dürfen!« Die acht Kilometer Abfahrt haben sie mir dann leider auch genommen und mich danach auf die kleine Nebenstraße zum Weiterfahren geschickt. Auch die endete irgendwann und ich fand mich erneut auf dem Standstreifen wieder. In der Maut inklusive, die mir natürlich nicht berechnet wurde, ist ja schließlich verboten, war eine Servicestation für LKW mit heißen Duschen, die ich sehr gerne in Anspruch nahm. Der Aufseher ebendieser hatte dann genug Mitleid mit mir, dass er mich in seinem Appartement in der nächstgelegenen Stadt Casablanca übernachten ließ, damit ich mir keinen Platz für mein Zelt suchen musste.

Am nächsten Tag rolle ich fast nur runter nach Valparaíso. Von der Autobahn habe ich bereits genug, sodass ich auf den Nebenstraßen fahre, wo ich tatsächlich einigen Radlern begegne. Ansonsten ist an diesem Tag jedoch alles wie ausgestorben. Ich erinnere mich, Guillermo war vor etwa einem Monat mit den Vorbereitungen für die anstehende Volkszählung beschäftigt. Weil es in Chile nicht so etwas wie ein Katasterwesen gibt, gestaltet sich die Erfassung der Haushalte etwas komplizierter. Auf Luftbildern werden Wohngebäude mit Punkten markiert, welche dann von den freiwilligen Helfern abgegangen werden. Die Anweisung lautet, dass sich an diesem Tag alle in ihren Häusern aufhalten sollen, sodass die Geschäfte tatsächlich mal geschlossen sind, was sonst selbst an Feiertagen wie Ostern die Ausnahme ist. Und auch in Valparaíso, das ich noch sm Abend mit meinem Warmshowers-Gastgeber erkunde, ist so gut wie gar nichts los, einmalig in der sonst sehr belebten Stadt. Vor gewisse Herausforderungen stellte mich lediglich das Auffinden meiner am Vorabend angebotenen Bleibe. Ich näherte mich zwar auf wenige Meter der entsprechenden »Straße« an, fand jedoch beim besten Willen keinen Zugang. Ein Passant versuchte mir zwar zu erklären, wie ich mit meinem schweren Rad dorthin gelangen könne, aber erst als mich Gustavo einsammelte, verstand ich das System: es ist schlicht und einfach nicht vorhanden! Irgendwann fängt irgendwer an und setzt sein Haus irgendwo auf einen Hügel, dann kommen andere dazu und bauen so, wie sie es für richtig empfinden. Die Erschließung erschließt sich dann praktisch von selbst, verwinkelte Treppen, steile Gassen, … manchmal hat man das Gefühl, durch fremde Hinterhöfe zu gehen, auch wenn man sich auf der richtigen Verbindung wähnt. Kurzum nichts, was ich bislang schon mal gesehen hätte, echt anders aber irgendwie auch schön südamerikanisch.

Ins Zentrum gelangen wir mit Kleinbussen, den Micros. Gut, um sein Kleingeld loszuwerden und verdammt schnell im Verkehrschaos, eigentlich eine Achterbahnfahrt ohne Anschnallen. Am nächsten Tag fahre ich alleine los, man muss lediglich genau wissen, wann man aussteigen will, und schnell reagieren, sonst befindet man sich bereits an der nächsten Haltestelle. Am Abend wollen wir eigentlich auf eine Manifestation gehen, die wir jedoch erst nach etwas Herumirren und Besichtigung des Hafens auffinden, da waren wir und die Busfahrer schlecht informiert. Anschließend bekommen wir Hunger und beschließen, etwas zu kochen. Etwas chaotisch mit zwei Chefs und zwei unterschiedlichen Vorstellungen in einer einzigen kleinen Küche, aber wir kommen am Ende schließlich doch noch irgendwie zusammen.

Nach dem Städtetrip gehts wieder aufs Land. In dem kleinen Dorf Zapallar wurde mir über Warmshowers eine Übernachtungsmöglichkeit zugesagt. Mathias ist zwar nicht da, hat allerdings seine Familie angewiesen, mich zu versorgen. So kann ich im riesigen Garten mit Feigenbaum mein Zelt aufbauen, es sei sehr ruhig hier, was nach dem ganzen anstrengenden Trubel wirklich gut tat zu hören. Danach gehts wieder ein Stück auf die Panamericana, die Autobahn. Ist zwar langweilig aber schnell, sodass ich in einem Tag den Ort Los Vilos erreiche, wo ich ebenfalls über Warmshowers einen Kontakt gefunden hatte, der mich beherbergen sollte. Und dann werde ich wirklich überrascht. Ich bekomme ein komplettes Haus, wo ich mich ausbreiten und entspannen kann, ganz für mich alleine. Meinen Plan, nur eine Nacht zu bleiben muss ich aufgeben, dafür ist auch die Gesellschaft viel zu nett. Ich wasche alles durch und beginne im Hinterhof mein Fahrrad zu putzen, höchste Zeit. Ich bekomme das Knarzen des Antriebes, was mich schon etwas begleitet, einfach weggeputzt, lag nicht am Tretlager, was mich wirklich verwundert hätte. Außerdem bemerke ich, dass die hinteren Bremsbeläge fällig sind. Das waren dann doch bereits zu viele Abfahrten auf Schotter mit zu viel Gewicht. Am Ende bleibe ich vier Tage, in denen wir viel Zeit mit Kartenspielen und interessanten Gesprächen verbringen. Wir spielen eine Art Phase 10 aber mit gewöhnlichen Spielkarten. Ich verliere trotz ausgereifter Strategie fast immer, so raffiniert war sie dann anscheinend doch nicht. Am letzten Abend kommt Fernanda, die ich ursprünglich angeschrieben hatte, aus Brasilien zurück. Ausserdem kontaktiert hatte ich ihre Schwester, die jedoch gerade in Hamburg studiert und deren Haus ich dann bewohnen durfte. Beide verwiesen mich an ihren Bruder Alfonso, der mich schließlich umsorgte. Zur Feier machen wir Completos, Sandwiches mit allem. Sauerkraut (ersetzt durch Ingwerwirsing den ich am Vortag zum Fisch gereicht hatte), Würstchen, Tomate, Avocado und Mayonnaise.

Das pensionierte Ehepaar aus einem kleinen Dorf bei Combarbalá nimmt es mir nicht übel, dass ich meine Ankunft mehrmals um einige Tage verschoben habe. Ich verlasse die Küste und die Autobahn nach Osten, nehme dafür einen kleinen sich lohnenden Umweg durch die Täler in Kauf, in denen viele Weintrauben für den Export angebaut werden. Im Garten von Patricia und Juán Carlos wachsen außerdem Feigen, Granatäpfel, Avocados, Orangen, Oliven, … Frisch reif sind gerade »nur« die Granatäpfel und Avocados, die wir mit frischem Brot genießen. Die Feigen und Trauben haben sie selbst getrocknet und versorgen mich sehr stolz mit ebendiesen. Danach fahren wir ins »Zentrum« der 1000-Seelen-Gemeinde wo wir die Kirche besuchen. Es wird viel für Regen gebetet, diesen Teil der Predigt verstehe ich ganz gut, für den Rest fehlt mir das Fachvokabular. Meine Gastgeber haben das Glück, sehr nah hinter einem der mehreren Stauseen zu leben, die es im Tal gibt, aber auch dieser ist nach den drei Jahren ohne Niederschlag nur noch wenig gefüllt. Am nächsten Tag fahre ich gemütlich zum nächsten künstlichen und dem größten See der Region und auch dieser wartet auf Regen, ist aber für ein kurzes Bad noch ausreichend gefüllt. Von Anglern erfahre ich, dass zwei Menschen seit vorheriger Nacht vermisst werden, die mit dem Boot rausgefahren waren. Dementsprechend wimmelt es von Polizei und Feuerwehr. Die sternklare Nacht bleibt jedoch ruhig und mein Zelt wird nicht wie den Abend zuvor von einem jungen, neugierigen Hund angeknabbert.

Danach geht es nach Ovalle, der nächstgelegenen »Großstadt« wohin mich meine Gastgeber mitgenommen hätten, ich zog es aber vor, die beeindruckend andere Landschaft vom Fahrrad aus zu genießen. Noch mehr Weintrauben für den Export in dieser wirklich wasserarmen Gegend. Ich melde mich für den nächsten Tag in La Serena bei Rocío an, meiner Adoptivschwester, die ich in Concepcíon kennen gelernt hatte. Etwas außerhalb von Ovalle suche ich vergeblich einen wasserführenden Fluss zum Campen, finde jedoch nur ausgetrocknete Flussbetten, wo zwar vereinzelt Bäume stehen, was mir aber nicht viel weiter hilft. An der nächstbesten Siedlung mit drei Häusern halte ich also an, um etwas Wasser zu erbitten. Nichtsahnend folgt darauf das Überraschendste was ich bislang an Gastfreundschaft erlebt habe. Ich bekomme ein Sandwich mit auf den Weg, als »Dekoration« – zunächst. Ich bin überglücklich und als ich das Wasser und die Dekoration verstaut habe, werde ich gefragt, ob ich nicht zum Mittagessen bleiben wolle, es gebe Asado und zwar nicht zu knapp. Als Großfamilie seien sie es gewohnt, reichlich aufzutischen und könnten nicht anders, selbst wenn nicht alle anwesend seien. Nach viel Essen und ein wenig Konversation bekomme ich schließlich angeboten, mein Zelt in der Garage aufzustellen, was ich natürlich dankend annehme. Kurze Zeit später fällt ihnen dann ein, dass sie ja ein nichtbenutztes Zimmer mit Bett haben, in dem ich die Nacht schlafen könne. Die warme Dusche ist dann noch das i-Tüpfelchen der Freundlichkeit. Das Mahl setzen wir am Abend fort, es gibt frische Sopaipillas, meine ersten überhaupt, die ich probiere, was etwas Verwunderung auslöst. Ebenso die Mengen, die ich nach den Fahrradtagen verspeisen kann und an die ich mich bereits gewöhnt habe. Den nächsten Morgen gibt es ein üppiges Frühstück mit Empanadas, ich lange ordentlich zu, doch nach der zweiten großen Teigtasche gebe ich mich geschlagen. Für den Weg bekomme ich noch Proviant bevor ich mich nach den obligatorischen Fotos schweren Herzens von einer weiteren chilenischen Adoptivfamilie trenne. Vielleicht sehe ich sie in Calama im Norden wieder, da wohnt und arbeitet Cintia die just dieses Wochenende zu Besuch war.

Bis La Serena, wo mich Rocío mit dem Kleintransporter einsammelt, geht es fast nur noch bergab. Auf das Wiedersehen mit ihr freute ich mich schon seit längerem. Ich habe das Gefühl, zu einer Familie zurückzukommen, es fühlt sich sehr gut und vertraut an. In La Serena lerne ich außerdem noch meine andere Adoptivschwester Yuli kennen, die im gleichen Haus wohnt. Den Abend feiern wir ausgiebig mit exzellentem chilenischen Rotwein. Hier werde ich es wohl eine Zeit lang aushalten.

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2 Gedanken zu “Angenehm anders

  1. Oh ja, sehr viele sehr nette Begegnungen. Wenn ich schon nicht auf der Straße in Gesellschaft fahren konnte weil es schlicht keine anderen Radler gab kommt mir das sehr entgegen.

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