Ab in die Wüste

Eigentlich wollte ich die Atacama-Wüste, den zweittrockensten Ort der Welt nach der Antarktis, auslassen, aber leider waren alle Pässe nach Argentinien in der Nähe wegen des einkehrenden Winters bereits geschlossen, weswegen ich notgedrungen in Chile weiter nach Norden fuhr.

Fast drei Wochen haben mich Rocío und Yuli ausgehalten, mit ein wenig Beteiligung in der Küche hab ich zumindest versucht, mich etwas zu revanchieren. Bereits am ersten Abend habe ich mit meinen beiden Adoptivschwestern einiges an chilenischem Wein getrunken und wir haben es uns richtig gut gehen lassen. Bei den Asados an den Wochenenden lernte ich außerdem die anderen Geschwister und ihre Familien kennen. Und als wir gemeinsam mit Kinderwagen durch die Stadt zogen war ich sogar schon ziemlich Vater des kleinen Benjamín. Mir wurde noch einmal bestätigt, dass nach der Stadt wirklich nur noch Wüste kommt. So nah am Meer ein so trockener Ort ist nur aufgrund des eisigen Humboldtstroms aus dem Süden möglich. Es bildet sich zwar etwas Nebel, jedoch steigt absolut kein Wasser auf, welches Regen bringen könnte, die Luftschichten vermischen sich nicht. Auch in La Serena regnet es kaum und wenn dann eigentlich nur wenige Tropfen. Dementsprechend schlecht oder gar nicht ist die Stadt vorbereitet, wenn sich eine Wetterfront ankündigt. Schon Tage im Voraus wurden also alle Leute verrückt gemacht: ¡Viene un temporal, el fin del mundo! Man solle genug Nahrungsmittel und Trinkwasser für drei Tage horten. Die Menschen ließen die Regenrinnen überprüfen und säubern, strömten in Scharen in die Supermärkte um diese leerzukaufen. Und dann kam tatsächlich die angekündigte Wetterfront, also zweieinhalb Tage normaler Regen, der jedoch ausreichte, die Straßen und einige Gebäude zu überfluten. In großen Teilen der Stadt wurde Strom und Wasser abgestellt, viele Menschen gingen nicht zur Arbeit, die Schulen blieben geschlossen. Auch das Militär kam, um zu helfen. Wie gesagt, nicht einmal drei Tage normaler Regen … aber ohne jegliche Infrastruktur dafür.

Diese Pause tat mal richtig gut und so brach ich dann nach dem Temporal frisch und frohen Mutes weiter nach Norden auf zum Paso San Francisco. Zunächst gut 200 Kilometer auf der Autobahn mit zwei ordentlichen Anstiegen nach Vallenar, was ich dummerweise in nur zwei Tagen runtergefahren bin, sodass sich im Anschluss meine Beine bemerkbar machten. Dass mich dies noch eine Weile beschäftigen sollte, ahnte ich noch nicht. Mittendrin fand ich eine Servicestation für Lkw mit ordentlich heißen Duschen und auf Nachfrage absolut keinem Problem, mein Zelt aufzustellen, wo ich wolle. Ich suchte mir also einen schönen Platz etwas am Rand und verbrachte dort eine sehr unruhige Nacht. Voll beleuchtet, Motorenlärm und nachts um drei Uhr wurde ich von zwei Carabineros geweckt, die mir dringend anrieten, mit meinen gesamten Sachen in die Mitte des Parkplatzes neben das Gebäude umzuziehen. Es sei hier vermehrt zu Übergriffen und Plünderungen auf Lkw gekommen und ich würde ein zu einfaches Ziel für die organisierten Banden abgeben. Keine beruhigenden Aussichten für die weitere Nacht. Immerhin traf ich auf dem Rastplatz die drei mit riesigen Ladeflächen für den Minenbetrieb beladenen Lkw wieder die mich zuvor überholt hatten und kam ins Gespräch. Für die gerade einmal 250 Kilometer lange Strecke von der Mine in La Serena zu der in Vallenar benötigten sie sage und schreibe gut einen Monat. Einweisung und Fahrtraining, Beladen der Riesen, Ausnahmegenehmigungen, Polizeibegleitung, … So würden sie auch erst nach ein paar Tagen weiterfahren können, da bin ich mit dem Rad schneller und lehne das Mitnahmeangebot ab. Oh, ich wolle über den Paso San Francisco, sei eine schlechte Idee, weiter im Norden über den Paso Jama würden sie mich in einigen Wochen mitnehmen können. Soweit wollte ich eigentlich nicht nach Norden, aber es scheint wohl eine Prophezeiung zu sein, was ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht wissen konnte. Dass ich nun endgültig in der Wüste fuhr, machte sich nicht nur durch die obskuren Riesen auf der Autobahn bemerkbar, welche Gerät für die zahlreichen Minen transportieren, sondern auch durch die gewaltigen Solarfelder und die Teleskope, welche vereinzelt auf den Bergspitzen auftauchen.

In Vallenar erwartet mich Vanessa, die ich über Couchsurfing kontaktierte auf Empfehlung von Alan, einem anderen Reisenden, den ich bei der Warmshowers-Unterkunft in Los Vilos kennen gelernt hatte. Diesen Abend spürte ich meine Beine gewaltig und ich legte vorsichtshalber einen Ruhetag ein. Wohl zu meinem Glück riet mir ein Radler aus Copiapó davon ab, zu dieser Jahreszeit den Paso Francisco in Angriff zu nehmen. Auch wenn nicht gerade Winter ist, sei er nicht ganz einfach. Als Beleg schickte er mir Aufzeichnungen, die seine Aussage eindrucksvoll bestätigten. Die nächste Möglichkeit über die Anden zu kommen sei erst wieder bei San Pedro de Atacama – Paso Sico oder die Asphaltstraße und Hauptroute Paso Jama. Ich erkundigte mich schon mal bei zahlreichen Blogeinträgen und bereitete mich bereits mental auf ersteren vor. Aufgrund der anhaltenden Beschwerden meiner Beine ging ich die folgenden Tage sehr gemütlich an, dank Bergab und Rückenwind kam ich jedoch trotzdem ziemlich weit. Die Nebenstraße am Meer entlang war zwar nicht vollständig geteert aber gut zu fahrender steinharter Ton??? und nur bei Feuchtigkeit nicht angenehm. Ein letztes Mal campierte ich in Chile direkt am Meer vor imposanten Steinverwitterungen und etwa einen Kilometer vor einem überteuerten Conaf-Campingplatz. Am Abend kam sogar noch mal die Sonne raus. Am nächsten Morgen bettelte ich um etwas Wasser bei der chilenischen Waldbehörde und wurde sogleich auf einen Kaffee eingeladen. Man müsse nur noch Feuer machen, in der Nacht hätte es den Gasherd zerlegt. Aus Deutschland kämen regelmäßig Freiwillige hierhin, um für einige Wochen zu arbeiten, im Zentrum des desierto florido – der blühenden Wüste. Dieses mit dem Klimaphänomen El Niño zusammenhängende Ereignis ist einmalig. Durch die Erwärmung des Humboldtstromes kommt es zu Niederschlägen und die mehr als 200 darauf vorbereiteten Pflanzenspezies beginnen zu erblühen. Ich bekomme noch eine Informationskarte und die Aussicht, dass ich schon bald auf Lkw in Richtung Norden treffen werde, welche auf dieser Nebenroute zwei Mautstellen umfahren. Gute Aussichten also für meine wieder schmerzenden Beine. Nach einigen Kilometern geht fast nichts mehr und ich strecke verzweifelt meinen Daumen bei jedem sich annähernden Fahrzeug raus. Gleich der erste Lkw mit geeigneter Ladefläche und Platz hält und bietet an, mich bis nach Calama, immerhin gut 700 Kilometer mitzunehmen – was ein Glücksfall.

Julio – er heißt wirklich so – Caesar fragt mich in den zehn Minuten, die wir zusammen fahren, wirklich über alles aus und erzählt eine Menge. Die Schwester studiert in Bremen, er hat mal in Kiel im Hafen gearbeitet, … Wir würden demnächst den Lkw tauschen und ich dann mit dem Vater weiterfahren. Dieser würde das schnellere Modell fahren, einen 2007er nordamerikanischen Imperial und nicht diesen alten Mexikaner. Außerdem solle er mich zum Essen einladen, er hätte das Geld. Weniger kommunikativ aber dafür schneller geht es weiter. Wir passieren einige Dörfer, die vom Regen und den Schlammlawinen noch gekennzeichnet sind, und überqueren den tropico de capricornio den südlichen Wendekreis, jetzt bin ich in den Tropen, früher als erwartet. Etwas übernächtigt werde ich kurz vor Calama abgeladen. Noch vor dem Frühstück mache ich mich auf die Suche nach dem nächstbesten freien Internetzugang um Cintia zu kontaktieren und zu überraschen, was klappt. Sie war zu Besuch als ich kurz vor La Serena von ihrer Familie zum Asado und schließlich zur Bleibe eingeladen wurde, nahdem ich um etwas Wasser gebeten hatte. Innerhalb von drei Minuten – ungelogen – hatte ich die Zusage, dass ich in ihrem Apartment bleiben kann. Ich frühstücke gemeinsam mit der Haushälterin aus Ovalle, die mir erzählt, dass dort durch den Regen ein Teil einer Staumauer beschädigt wurde. Daraufhin falle ich nach einer Dusche müde ins Bett und hole den Schlaf nach, den ich verpasst habe.

Just das kommende Wochenende käme die restliche Familie zu Besuch, willkommene Erholung für meine Beine, früher wollte ich nicht los. Da wurde nicht schlecht gestaunt, als ich sie am Flughafen in Empfang genommen habe. Gefeiert wird natürlich mit einem Asado und ich lerne noch die weiteren Geschwister kennen. Nach einer knappen Woche fühle ich mich fit genug, um weiterzufahren, es bahnt sich zwar eine kleine Erkältung an, aber wenn ich langsam mache, zieht sie hoffentlich einfach vorbei … Nächstes Ziel der Touriort San Pedro de Atacama.

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